Sport : Blättern statt Bolzen

Fußball kann man nicht nur spielen und gucken, Fußball kann man auch lesen. Vier aktuelle Empfehlungen: eine Biografie, ein Bildband ein Architektur-Schmöker und ein langes Gespräch.

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Fachmann liest Fachliteratur. Auch Franz Beckenbauer schmökert gerne mal,
Fachmann liest Fachliteratur. Auch Franz Beckenbauer schmökert gerne mal,Foto: bpk / Bayerische Staatsbibliothe

VOLLE PULLE



„Mein Name ist Uli Borowka, und ich werde mir jetzt das Leben nehmen.“ Mit diesem Satz endet das erste Kapitel in Borowkas Autobiografie „Volle Pulle“, und damit ist die Fallhöhe schon einmal definiert. Die Latte liegt ziemlich hoch, und trotzdem läuft Borowka gemeinsam mit seinem Co-Autor, dem „11-Freunde“-Redakteur Alex Raack, nie Gefahr, diese Latte zur reißen. Der frühere Verteidiger erzählt sein Leben so, wie er auch Fußball gespielt hat: ohne Rücksicht auf sich und seine Gegner. Es die Geschichte eines allenfalls mäßig begabten, aber übermäßig ehrgeizigen Fußballers, der es bis in die Nationalmannschaft schafft, am Ende seiner Karriere ein Leben „ohne Sinn und Verstand“ führt und „zu einem Menschen mutiert, der ich nie hatte sein wollen“.

(Auto-)Biografien von Fußballern sind in den seltensten Fällen ein literarischer Gewinn. Ein paar ohnehin bekannte Anekdoten werden noch einmal kurz aufgekocht, das eigene Ego zum vielleicht letzten Mal beweihräuchert - und das oft in einer schwer erträglichen Sprache. „Volle Pulle“ sticht in jeder Hinsicht positiv hervor. Es ist ein bemerkenswertes Buch, ein bemerkenswert gutes. Wobei das auch in der speziellen Geschichte des Uli B. begründet liegt. Im Grunde handelt es sich um eine Art Doppelbiografie: über Borowka, den Fußballer, und Uli, den (trockenen) Schwerst-Alkoholiker. Uli Borowka hat einfach mehr zu erzählen als der gemeine Fußballprofi – auch wenn er vermutlich wünschte, dass es nicht so wäre.

KUNSTSCHUSS

Die schönsten Fußballfotos aller Zeiten – das ist ein ambitionierter, fast schon vermessener Titel. Nicht nur, weil er streng genommen impliziert, dass bis zum Weltuntergang in ferner Zukunft nichts Schöneres mehr hinzukommen wird. Und dann beginnt die Werkschau aus fast hundert Jahren Fußballfotografie mit dem historischen Schwarz-Weiß- Foto eines Bretterverschlags, mit Bauarbeitern, die Eimer über eine hölzerne Rampe wuchten. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1923, und sie zeigt das Londoner Wembley-Stadion, den Fußballtempel schlechthin, in seiner Entstehung. Herausgeber Reinaldo Coddou, selbst Fotograf und Mitbegründer der Zeitschrift „11 Freunde“, ist immer noch Anhänger von Arminia Bielefeld; vielleicht entwickelt man da automatisch einen etwas anderen Blick auf den Fußball. Die erste Spielszene in „Kunstschuss“ findet sich auf Seite 57; das klassische Zweikampffoto, die Dutzendware des Sportjounalismus’, sucht man in diesem Buch vergebens. Coddou bildet gerade nicht die glänzende Oberfläche ab, er hat Bilder mit Tiefgang ausgewählt. Die Geschichte des Fußballs wird von ihm quasi um die Ecke erzählt. Von den Ikonen der Sportfotografie, den Bildern, die jeder kennt, hat es nur eine unter die 117 schönsten Fußballfotos aller Zeiten geschafft: Uwe Seeler nach dem verlorenen WM-Finale 1966, wie er mit hängendem Kopf vom Platz schleicht. Vom selben Spiel gibt es ein anderes, ungleich frischeres Foto. Bei der Seitenwahl blicken vier Personen der fliegenden Münze des Schiedsrichters hinterher. Nur einer, Linienrichter Tofik Bachramow, schaut auf seine Uhr. Der Mann wird später noch eine besondere Rolle spielen – weil er auch im entscheidenden Moment dieses Spiels etwas anderes sehen wird als alle anderen.

FUSSBALL-WUNDER-BAUTEN

Vorneweg steht ein Zitat von Günter Netzer: „Der Rasen. Ein unglaublich schöner Teppich.“ Auf den folgenden kunstvoll und kreativ bebilderten 192 Seiten geht es dann eher um die Wohnungen, in denen dieser Teppich liegt. Das Buch vereint 20 der faszinierendsten Stadien der Welt, zeigt Bilder, lässt Spieler, Fans und Architekten zu Wort kommen und geht der Frage auf den Grund: Was macht ein Stadion besonders, wieso wird der Besuch eines Fußballspiels allein durch eine Arena zum Erlebnis? Bei manchen Stadien ist die Antwort relativ einfach. Allein die Fotos vom Maracana in Rio, dem Camp Nou in Barcelona, dem Aztekenstadion von Mexiko City oder dem Santiago Bernabeu in Madrid vermitteln eine Vorstellung vom Raunen, Toben und Jubeln, das sich in ihrem Inneren bei großen Partien abspielt. Bei anderen Arenen liegt der Reiz etwas verborgener und erschließt sich erst durch die Geschichten und Anekdoten, die die Autoren dazu erzählen. Oder hätten sie gewusst, was am Inönü-Stadion von Istanbul oder dem Azadi von Teheran so besonders ist?

Das Buch ist – nach subjektiven Kriterien – in drei Abschnitte geteilt, unter der Rubrik „Champions League“ werden die weltbesten Stadien vorgestellt, als „Erste Liga“ folgen nicht ganz so herausragende aber immer noch einzigartige Arenen, unter anderem das Berliner Olympiastadion. Als „Überraschungserfolge“ folgen schließlich noch drei Geheimtipps in Braga, Buenos Aires und Fulham, für Stadion-Feinschmecker sozusagen. Die Fußball-Wunder-Bauten bringen den Leser tatsächlich zum Staunen. Und wenn man sich die Fotos vom Celtic Park ansieht, möchte man dem Banner der schottischen Fans glauben: „Welcome to Paradise.“

FUSSBALLGIPFEL

Es ist eine etwas seltsame Runde, die sich 21. August 2012 im Wohnzimmer von Manfred Breuckmann, genannt Manni, versammelt hat. Der langjährige Radioreporter hat den Entertainer Harald Schmidt, die Politikerin Claudia Roth und Bayern-Manager Uli Hoeneß eingeladen, um sich über Fußball zu unterhalten. Sechs Stunden dauert das im Buch nachzulesende Gespräch über Businesslogen, Fangewalt, Merkel in de Umkleidekabine und vieles mehr, herausgekommen ist eher eine Plauderei als eine hitzige Debatte. Dass sich das Protokoll trotzdem unterhaltsam liest, liegt an den Persönlichkeiten, die an Breuckmanns Couchtisch Platz genommen haben. Der Gastgeber selbst gibt den Traditionalisten, der sich über Kommerz empört und an die gute alte Zeit erinnert. Claudio Roth weist mahnend auf Klimabilanzen, Integrationsinitiativen und die gesellschaftliche Kraft des Fußballs hin. Hoeneß findet den FC Bayern und den Fußball an sich ziemlich okay. Schmidt hält sich eher zurück, ist aber immer wieder für einen erfrischend unromantischen auf die Materie gut. Am interessantesten sind oft die Aussagen von Hoeneß, der Einblicke in seine Fußball-Überzeugungen gibt. Leider münden seinen Statements allzu oft in der Erkenntnis, dass es bei den Münchner immer noch am besten läuft: „Aber wir machen es optimal.“ Einig sind sich alle Diskutanten darüber, dass Spieler wir Jens Jeremies dem heutigen Fußball fehlen, auch wenn Claudia Roth mehrfach betont, dass „Blutgrätsche und reinhauen“ nicht so ihr Ding sind.

Bei allen durchaus lustigen Abschweifungen in Richtung Politikbetrieb oder Medienmühle: Manchmal hätte man sich gewünscht, Breuckmann wäre eine stringentere Gesprächsführung gelungen. Dafür kann man das Buch in ein paar Jahren oder Jahrzehnten wieder zur Hand nehmen und staunen: Das waren also die brennenden Fußballthemen 2012?

Andreas Bock,

Alexander Gutzmer,

Benjamin Kuhlhoff:

Fußball-Wunder-

Bauten.

Die schönsten Stadien und ihre Geschichten. Callwey, 192 Seiten, 39,95 Euro.

Reinaldo

Coddou H. (Hg.):

Kunstschuss.

Die schönsten Fußballfotos aller Zeiten. Edition Panorama, 233 Seiten, 29,95 Euro.

Manni Breuckmann: Fußballgipfel.

Manni Breuckmann, Harald Schmidt,

Uli Hoeneß und

Claudia Roth reden über eine Nebensache. Westend, 176 Seiten,

14,99 Euro.

Uli Borowka

mit Alex Raack:


Volle Pulle.

Mein Doppelleben

als Fußballprofi und Alkoholiker.

Edel, 302 Seiten,

19,95 Euro.

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