Sport : Blau ist schneller

Die Skispringer bei der Vierschanzentournee schwören auf eine ganz besondere Farbenlehre und wechseln deshalb ständig den Skianzug

Benedikt Voigt

Garmisch-Partenkirchen. Dem Skispringen ist es zu verdanken, dass gelegentlich ungewöhnliche Themen aufgeworfen werden. Zum Beispiel beschäftigt man sich zurzeit bei der Vierschanzentournee mit der Frage, welche Farbe am besten fliegt. Der deutsche Bundestrainer Wolfgang Steiert sagt: „Gold ist besser bei Auftrieb, Schwarz besser bei Rückenwind, und Blau ist schneller.“

Blau ist schneller? Wer darüber schmunzelt, dem entgegnet der deutsche Skisprungtrainer: „Das ist keine Einbildung.“ Denn die Farben dienen als Unterscheidungsmerkmal für die Sprunganzüge der deutschen Skispringer. Zwischen Gold, Schwarz und Blau können Sven Hannawald, Martin Schmitt oder Georg Späth wählen. Die Anzüge unterscheiden sich allerdings nicht nur farblich, sondern auch durch ihre Materialbeschaffenheit. „Beim goldenen Anzug ist die Oberfläche glatter“, sagt Pressesprecher Markus Schick. Dadurch bekommen die Anzüge auch unterschiedliche Flugeigenschaften.

„Jeder Anzug hat einen anderen Angriff in der Luft", erklärt Steiert. Bläst der Wind von unten, hat sich der goldene Anzug bewährt, kommt er von hinten, schwört der Bundestrainer auf den schwarzen. In der Anlaufspur aber fährt der blaue Anzug am schnellsten – glaubt zumindest Wolfgang Steiert. Die Springer würden sich bei der Wahl des Anzuges von den jeweiligen Bedingungen leiten lassen und den Anzug aus rationalen Gründen wählen. Es gibt auch noch einen viel bedeutenderen Grund für die Wahl eines bestimmten Anzugs. Michael Uhrmanns Manager Gerd Sigmund sagt: „Das ist Psychologie.“ Und weil jeder seine eigene Psyche hat, springen wohl Athleten wie der Finne Ahonen oder der Österreicher Höllwarth wiederum lieber in Pink oder Orange.

Ohnehin spielt die Psychologie im Skispringen eine große Rolle. Die Athleten reden oft von ihrem System, das passen muss. Gemeint ist die fein zu justierende Verbindung aus Skiern, Helm, Anzug und Springer. Wird nur an einer Schraube gedreht, wie im Sommer, als der internationale Skiverband die Maße der Anzüge veränderte, müssen die Skispringer ihr gesamtes System neu abstimmen. Inzwischen ist noch ein Faktor hinzugekommen. Michael Uhrmann und Georg Späth springen mit einer Maske vor dem Gesicht, weil sie glauben, dass ihnen das aus aerodynamischen Gründen noch einige Zentimeter bringen könnte.

Michael Uhrmann hat nach dem Springen von Oberstdorf erklärt, warum er sich für den goldfarbenen Anzug entschied. „Mit dem Goldanzug bin ich im Training 130 Meter gesprungen, aber ich hatte das Gefühl, dass der Anzug bremst.“ Also sei er auf Blau umgestiegen. „In Blau fehlten mir aber dann zehn Meter, kurz vor dem Springen entschied ich mich für Gold.“ Es hat sich ausgezahlt: Prompt landete er auf Rang vier.

Es ist wohl eher so, dass die Springer auf genau jene Farbe schwören, mit der sie gerade ein Erfolgserlebnis haben. Georg Späth sagt: „Man springt mit dem Anzug, mit dem man das bessere Gefühl hat.“ Er sprang im blauen Anzug in Garmisch-Partenkirchen auf Rang drei. „Ich denke nicht, dass ich daran noch was verändern werde.“ Martin Schmitt und Sven Hannawald, die hinter ihren großen Erfolgen der vergangenen Jahre zurückbleiben, werden die Farbe ihres Anzuges wohl wieder wechseln. Allerdings sollte man mit der Suche nach dem richtigen Stoff nicht übertreiben. Steiert bringt es auf den Punkt: „Entscheidend ist immer noch, wer im Anzug drinsteckt.“

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