Sport : Blaue Briefe im Fahrerlager

Am Nürburgring erreicht die Formel-1-Saison ihre Halbzeit. Zeit für ein Zwischenzeugnis für die deutschen Fahrer. Vom Klassenbesten Vettel bis zu den Versetzungsgefährdeten

Karin Sturm[Nürburgring]
Einer trage des eigenen Last. Michael Schumacher kommt auch in seinem Auto oft nur noch im Schrittempo voran – wenn er nicht gerade Unfälle verursacht. Foto: dapd
Einer trage des eigenen Last. Michael Schumacher kommt auch in seinem Auto oft nur noch im Schrittempo voran – wenn er nicht...Foto: dapd

Dass sich Sebastian Vettel eine klare Eins verdient hat, steht außer Frage. Der amtierende Weltmeister startet zwar beim Heimrennen nicht von der Pole Position, lieferte bis jetzt dennoch eine fast perfekte Saison ab. Sieben Pole-Positions, sechs Siege und drei zweite Plätze in neun Rennen sprechen eine deutliche Sprache. Sicher ist der Red Bull auch das Top-Auto des Jahres, aber Teamkollege Mark Webber ist der beste Vergleichsmaßstab – und den hat Vettel sicherer denn je im Griff.

Nico Rosberg bekommt im Zwischenzeugnis der deutschen Fahrer mindestens eine Zwei; wenn man Zwischennoten erlaubt, sogar eine Eins bis Zwei. Aus dem alles andere als optimalen Mercedes holt er meist das Maximum heraus, beherrscht im Qualifying und meistens auch im Rennen seinen Teamkollegen Michael Schumacher. Gerhard Berger traut Rosberg in einem besseren Auto sogar Weltmeisterqualitäten zu, ordnet ihn fahrerisch in eine Kategorie mit den Superstars Vettel, Hamilton und Alonso ein. Wenn der gebürtige Wiesbadener in diesem Jahr eine einzige Schwäche gezeigt hat, sind es wohl seine Starts – da verlor er immer wieder Positionen. Seine Zukunft bei Mercedes ist sicher, jetzt braucht er ab 2012 nur endlich ein gutes Auto.

Michael Schumacher bekäme bei sehr viel Wohlwollen noch eine Drei, bei kritischer Betrachtung aber eher eine Vier. Der siebenmalige Weltmeister kann anscheinend einfach nicht mehr an die Leistungen vergangener Tage anknüpfen, ist meistens etwas langsamer als Rosberg. Da helfen auch einzelne Highlights wie im Chaosrennen von Montreal nicht viel. Was Schumacher vor allem anzukreiden ist: Einige völlig überflüssige Unfälle, mit denen er nicht nur mehrfach seine eigenen Chancen einbüßte, sondern auch anderen Fahrern das Rennen zerstörte – zuletzt erlebte das Kamui Kobayashi in Silverstone. Dass er seinen Drei-Jahres-Vertrag bei Mercedes erfüllen und 2012 noch fahren wird, hat Schumacher schon mehrfach betont. Es hörte sich so an, als überlege er, noch länger weiterzumachen – angesichts der Tatsache, dass der Mercedes-Plan, in drei Jahren zum Titel zu kommen, nicht aufzugehen scheint.

Nick Heidfeld muss ebenfalls mit einer Vier vorliebnehmen – trotz eines Podiumsplatzes im zweiten Rennen des Jahres in Malaysia. Aber zu groß sind die Schwankungen, vor allem im Qualifying kann Heidfeld mit seiner Leistung nicht zufrieden sein. Denn von zehn Trainingsduellen gegen Witali Petrow, der im letzten Jahr regelmäßig von Robert Kubica abgebügelt wurde, nur drei zu gewinnen, das darf eigentlich nicht sein. Dazu kommen Fehler wie der in Kanada, als Heidfeld durch einen Auffahrunfall einen sicheren Punkteplatz wegwarf. Selbst wenn es Robert Kubica nach seinem Rallye-Unfall auch 2012 noch nicht schaffen sollte, ins Renault-Cockpit zurückzukehren, ist es ungewiss, ob Heidfeld seinen Platz behalten kann. Das Team braucht Geld – und wenn etwa Testfahrer Bruno Senna einige Millionen in Brasilien auftreibt, könnte es eng werden. Eine Alternative für Heidfeld wäre ein BMW-Vertrag in der DTM.

Auch Adrian Sutil konnte nicht hundertprozentig überzeugen – vielen Trainingsniederlagen gegen seinen neuen Teamkollegen Paul di Resta, einen Formel-1-Neuling, stehen allerdings zehn zu zwei Punkte in den Rennen gegenüber. Also gerade noch Note Drei, aber auch Sutil kann nicht ganz sorgenfrei in die Zukunft blicken. Denn di Resta dürfte für 2012 bei Force India gesetzt sein – und Sutil sitzt Testfahrer Nico Hülkenberg im Nacken, der bisher bei seinen Freitagseinsätzen fast immer eine sehr gute Figur machte.

Schwer einzuordnen ist die Leistung von Timo Glock. Mit den Virgin-Wagen ist er zum Hinterherfahren verdammt, den Teamkollegen Jerome d’ Ambrosio hat er aber nach anfänglichen leichten Problemen, die vielleicht auch etwas mit der Motivation zu tun hatten, wieder im Griff. Note Zwei bis Drei – auch weil es ihm gelang, ein paarmal zumindest recht nahe an einen der beiden Lotus vor sich heranzukommen. Die Perspektive für Timo Glock dürfte sich auf Virgin beschränken – aber dort hofft er zumindest auf einige Fortschritte in der Zukunft durch die kürzlich verkündete Kooperation des Teams mit McLaren.

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