Sport : Blaues Wunder ist möglich

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Herr Littbarski, hätten Sie gedacht, dass einmal 400 Menschen in Osaka vor Begeisterung in den Dotonbori-Fluss springen?

In England oder Italien hätten mich solche Szenen nicht überrascht. In Japan schon. Der Japaner ist ja im Allgemeinen sehr reserviert und zeigt seine Gefühle kaum. Der Fan jubelt nur im Stadion, anschließend geht er ganz ruhig nach Hause. Mit dem Schlusspfiff war bislang die Begeisterung ausgeschaltet. In Osaka aber war danach die Hölle los.

Im Endspielort Yokohama besitzen Sie ein Apartment. Schafft es das blaue Wunder bis vor Ihre Haustür?

Gegen die Türkei stehen die Chancen fifty-fifty. Gegen Senegal würde ich Troussiers Truppe das Halbfinale zutrauen. Aber dann Brasilien? Die japanische Fußball-Mentalität unterscheidet sich von der unsrigen. Wenn die Selbstvertrauen haben, kann sich das zu einem Wahnsinns-Lauf steigern. Ich habe das hier oft genug mitgemacht: du gewinnst fünf Spiele hintereinander, dann verlierst du einmal – und schon kommt eine Negativ-Serie mit vier, fünf Niederlagen. Den Profis der J-League fehlt noch die Balance. Aber wenn es positiv läuft, will ich das blaue Wunder nicht ausschließen.

Sie arbeiten als Co-Kommentator für die Fernsehsender „sky perfekt“ und „Fuji-TV". Was erzählt denn der Weltmeister und Japan-Experte seinem Publikum?

Während der Spiele kann man mich auf Kanal 141 zuschalten. Wer mich nicht hören will, wählt einfach Kanal 140. Ich mache fast alles auf Japanisch. Meine Dolmetscherin Miaki hilft mir immer, wenn es sprachlich kritisch wird. Und passt auch auf, dass ich die n richtig ausspreche. Ballack heißt auf japanisch Ballack-uh. Der Kollege Osvaldo Ardiles, Weltmeister mit Argentinien und J-League-Trainer, hat auf einen Übersetzer verzichtet. Bei dem verstehen die Japaner deshalb nur die Hälfte.

Sie sind bestimmt ein sehr höflicher Kommentator?

Was soll ich denn Schlechtes erzählen? Ich kann mich immer nur wiederholen: Freunde, ihr habt Glück gehabt, ihr habt bereits jetzt eine gute WM mit spannenden Gruppen und vielen Toren erlebt.

Glauben Sie, dass dieser Fußball-Boom in Japan anhält?

Vor der WM haben viele behauptet, es gibt nur ein kurzes Hoch. Wenn ich aber sehe, dass sich aus der japanischen Nationalauswahl neue Stars herauskristallisieren, dann tragen diese Namen den Fußball nach der WM weiter. Ich sehe hier in der U-Bahn Geschäftsleute im dunklen Anzug, die sich über ihre Manager-Kleidung auf einmal ein blaues Trikot ziehen. Dies ist ein Potenzial, nach dem das Fernsehen schnappen wird. Da kommen die Sponsoren fast automatisch.

Stimmt es, dass ihr Name auf der Liste der Troussier-Nachfolger steht?

Davon weiß ich nichts – ich bin nur im Fernsehen darauf angesprochen worden. Das wäre allerdings ein Traumjob. Aber Sie kennen ja die Geschichte, wie Troussier nach Japan kam. Die wollten vor vier Jahren unbedingt einen Trainer aus dem Land des Weltmeisters. Wunschkandidat Arsene Wenger hat abgesagt, aber seinen Landsmann Philippe Troussier empfohlen. Wäre klasse, wenn Deutschland Weltmeister würde – das könnte dann auch meine Chancen steigern.

Man merkt, die Sache reizt Sie?

Ich sehe den japanischen Fußball als Gesamtprodukt. Durch die WM entdecken die Europäer: Die kleinen Japaner, die können ja auch kicken, schaut mal hin, wie die sich reinhauen. Diese Wertschätzung tut gut.

Das Gespräch führte Martin Hägele

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