Sport : Bleibt nur noch der Rettich

Der Ringerklub VfK hat Schifferstadt berühmt gemacht – nun steht er vor dem Aus

Christian Gaier[Schifferstadt]

Im „Ochsen“ hängt das Bild vom Kran. Es zeigt im einstigen Vereinslokal des VfK Schifferstadt den berühmtesten Sohn der Stadt: Wilfried Dietrich, der Kran von Schifferstadt, wie er bei den Olympischen Spielen 1972 den 198 Kilogramm schweren US-Amerikaner Chris Taylor schultert. Ein Bild, das um die Welt ging – und mit ihm ein weiteres Mal der Name des vor 110 Jahren gegründeten VfK Schifferstadt, für den der Schwergewichtler zu diesem Zeitpunkt allerdings schon gar nicht mehr kämpfte. Der Ringerkönig ist seit 1992 tot, sein ehemaliger Verein ist es wohl bald auch. „Wilfried Dietrich würde sich im Grabe herumdrehen“, kommentiert Manfred Werner, der Präsident des Deutschen Ringer-Bundes (DRB), das jammervolle Bild, das einer der traditionsreichsten deutschen Sportvereine derzeit abgibt. Bis Montag 16 Uhr muss der Rekordmeister dem DRB mitgeteilt haben, ob er die Saison beendet. Der VfK hatte zunächst angekündigt, sich aus der Bundesliga zurückzuziehen – offenbar gibt es aber für den verschuldeten Verein Hoffnung, wenigstens die für diese Saison benötigten 35 000 Euro mit Hilfe von Sponsoren noch zusammenzutragen.

Zweimal war die Staffel in der laufenden Zwischenrunde bereits nicht angetreten, weil das Geld fehlte, um die mehrheitlich ausländischen Ringer zu bezahlen. Das bedeutet normalerweise den Ausschluss aus der Bundesliga, aber der Verband gewährte noch einmal eine Galgenfrist. „Wir wollen nicht der Totengräber des VfK sein“, sagte Werner. Wer verliert schon gerne sein Aushängeschild, das auch internationales Renommee genoss? „Yeah, great wrestling“, sagte ein Amerikaner bei Olympia 1988 in Seoul, als er den Namen Schifferstadt hörte. „Fine athletes from a big town“, ergänzte er in Unkenntnis der Tatsache, dass die zwischen Ludwigshafen und Speyer gelegene Stadt nur 20 000 Einwohner hat. Der Rettichanbau verhalf Schifferstadt nach dem Zweiten Weltkrieg zu Wohlstand, die Ringer – allen voran Wilfried Dietrich – machten die Kleinstadt weltweit bekannt. Olympiasieger 1960, Weltmeister 1961, Europameister 1967, das waren die größten Erfolge des Krans von Schifferstadt.

Die Schifferstadter liebten Dietrich, aber sie hassten ihn auch, als er nach dem Gewinn des vierten Mannschaftstitels 1971 zum ASV Mainz wechselte. Bewunderung und Hass erntete auch der Mann, der nach dem Weggang Dietrichs 25 Jahre lang die Geschicke des Vereins bestimmte. Robert Litzenburger führte den Verein in die Moderne und scharte Politprominenz um sich. Der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl war bei den Finalkämpfen um den Mannschaftstitel Stammgast und ist Ehrenmitglied des VfK – wie auch der heutige Landesfürst und SPD-Vorsitzende Kurt Beck. Ein Hauch von Glamour umgab den einstigen Arbeitersport, den ab den Neunzigern zunehmend ausländische Ringer prägten, die oft eigens für die Kämpfe eingeflogen wurden. Wie der Ringerzirkus – 1996 fand der Final-Heimkampf gegen den AC Goldbach tatsächlich in einem Zirkuszelt statt – finanziert wurde, darüber machte sich keiner Gedanken, solange die Erfolge da waren. Nur wenige wunderten sich, dass es jahrelang keine Mitgliederversammlungen gab. 1996 kam der Schock: Auf 360 000 Mark bezifferte der von einem schweren Krebsleiden gezeichnete und im gleichen Jahr verstorbene Litzenburger die Schulden des Vereins. Retter war der einstige VfK-Trainer Werner Schröter. Er holte als Vorsitzender mit dem Weltklasseringer Alexander Leipold einen neuen Dietrich nach Schifferstadt. Als Leipold das Olympia-Gold von 2000 wegen Dopings aberkannt wurde, standen die Schifferstadter ebenso hinter ihm wie bei seinem Comeback nach überwundenen Schlaganfällen.

Ob dem VfK ein Comeback gelingt, ist offen, zumal auch die aktuelle Führungsriege mit Geld offenbar nicht umgehen kann. Bei der Mitgliederversammlung im Dezember wurde der verheerende Kassenbericht erst nach Protesten vorgetragen. Laut Präsident Thomas Düser soll der Verein mit 120 000 Euro, die GmbH mit 80 000 Euro in der Kreide stehen. Inzwischen ist der Rückhalt für den VfK in der Region offenbar geschrumpft. Der Verein hofft nun aus Geldgeber aus dem Iran.

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