Sport : Blick aus dem Tunnel

Justine Henin scheidet in Berlin aus und sinniert über die Zeit nach dem Tennis

Frank Bachner

Berlin - Kurz vor dem Ende des ersten Satzes fluchte Dinara Safina wie ein Bierkutscher, die Situation war ernst. Es stand 5:6 gegen Safina, die Russin hatte gerade ihren komfortablen 4:1-Vorsprung verspielt, Justine Henin lag jetzt in Führung. Gut zwei Stunden später winkte Safina lächelnd zu den Zuschauern im Center Court bei den German Open und feierte ihren 5:7, 6:3, 6:1-Sieg. Justine Henin, die Weltranglisten-Erste aus Belgien, hatte verloren.

„Sie war besser, basta“, sagt Henin später. Erst mit Verzögerung schiebt sie nach: „Klar bin ich enttäuscht.“ Vielleicht war es einfach eine dieser Niederlagen, die man nicht erklären kann. Vielleicht passt sie aber einfach ins Bild. Safina schleppt einen Bauch übers Feld, die Nummer 17 der Welt ist nicht austrainiert – sie dürfte Henin nicht so klar abservieren.

Eigentlich. Aber Justine Henin ist nicht mehr die Frau, die alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, die ihren Tunnelblick auf Tennis gerichtet hat. Die wie computergesteuert Siege, Trophäen, Titel sammelte. Henin löst sich von der Rolle, in der sie sich selbst gefangen hielt. Vor dem Spiel gegen Safina sagte die 25-Jährige: „Ich muss doch auch mal als Frau existieren.“ In drei Jahren gebe es den Tennis-Profi Henin nicht mehr. Und dann? „Dann gibt es nur noch mich, und darauf will ich vorbereitet sein.“ Vielleicht, sagt sie, studiere sie ja. Aber Henin ist nicht bloß satt von einem Leben, das keine Herausforderungen mehr für sie hat. Sie hat zu viele Dinge erlebt, die sportliche Erfolge relativieren. Viel spricht dafür, dass sie sich mit Siegen und dem Beifall der Massen von harten Dingen ablenkte. Aber das ist jetzt vorbei.

Justine Henin hat erfahren, was es bedeutet, wieder eine Familie zu haben. Jahrelang hatte sie sich mit ihrem Vater und den Geschwistern völlig verkracht. Aber am 3. April 2007 erhielt sie in Barcelona eine SMS ihrer Schwester: „Justine, das ist wahrscheinlich die letzte Chance, deinen Bruder noch mal zu sehen.“ David Henin lag nach einem Autounfall im Koma. Als er nach zwei Tagen erwachte, saß seine ganze Familie an seinem Bett. Auch seine Schwester Justine, mit der er zuletzt sieben Jahre zuvor gesprochen hatte. Als sie bald darauf die French Open gewann, saßen alle Geschwister auf der Tribüne.

Der Unfall ihres Bruder ist nicht die einzige bewegende Geschichte in Henins Leben. Die erstgeborene Tochter ihrer Eltern wurde im Alter von zweieinhalb Jahren von einem betrunkenen Autofahrer überrollt. Justine Henin war damals noch nicht geboren. Ihre Mutter starb an Darmkrebs, als Justine Henin zwölf Jahre alt war. Jetzt hat die Tochter panische Angst, ebenfalls an diesem Tumor zu erkranken. Und dann war da natürlich die Scheidung von ihrem Mann Pierre-Yves Hardenne.

Der Familienkrach, der Tod der Mutter, das alles hatte sie schon zu verkraften, als sie jahrelang wie ein Roboter funktionierte. Jetzt scheint das alles ihr Spiel erstmals zu beeinflussen. Vor vier Wochen fegte Serena Williams die Belgierin vom Platz. Henin nahm sich daraufhin eine Auszeit, Berlin war das erste Turnier nach der Pause. Aber jetzt muss sie sich auf die French Open vorbereiten, als Weltranglisten-Erste muss sie bestimmte Regeln beachten. Eine Pause, ja, die ist jetzt möglich. „Aber nur zwei Tage.“

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