Sport : Blind vor Begeisterung

Sebastian Moll

In Kalifornien gibt es keine Probleme, weil es hier keine geben kann. Das wusste schon Albert Hammond, als er 1972 seine Ballade „It never rains in California“ schrieb, in der ein im Sonnenstaat Gestrandeter sich nicht eingestehen will, dass auch hier nicht Milch und Honig fließen. Es passt nicht ins Bild, dass in Kalifornien einmal etwas nicht „great“ ist. Fit und gebräunt surft man den ganzen Tag, alle sind gut drauf und völlig unbelastet von den Sorgen, mit denen sich andere herumschlagen. Und so konnte auch nichts das Vergnügen an der Kalifornien-Rundfahrt in der vorigen Woche trüben.

Da fuhren die besten Radprofis der Welt in bunten Trikots fröhlich durch die schöne Gegend und die Party der Zehntausenden am Straßenrand war unheimlich „fun“. Und was „fun“ ist, muss auch gut sein, denn westlich der Sierra Nevada ist „fun“ das oberste Daseinsprinzip. Dass hier mit Ivan Basso einer der Hauptverdächtigen im Dopingskandal des letzten Jahres sein Comeback feierte, störte dabei nicht im Geringsten. Dass die Tour von Amgen gesponsort wird, einem der größten Hersteller des Blutdopingmittels Epo, kam auch niemandem merkwürdig vor. Nicht einmal, nachdem im letzten Jahr ausgerechnet auf dieses Mittel bei der Kalifornien-Tour nicht getestet wurde. Die offiziell als Journalisten bezeichneten US-Fernsehkommentatoren strahlten täglich mit Logos des Hauptfinanziers auf dem Hemd in die Kameras und betonten, wie schade es sei, dass Vorjahressieger Floyd Landis nicht dabei sein darf.

Landis selbst war täglich zu Gast und durfte den Reportern von der Inkompetenz französischer Labors sowie internationaler Sportfunktionäre berichten. Der „Floyd Fairness Fund“ – die Stiftung zu Landis’ Reinwaschung – hatte einen Info-Stand, an dem Fans sich von der Unschuld ihres Helden überzeugen und für die gute Sache spenden konnten. Die „Los Angeles Times“ druckte einen Artikel, der im Detail die Anklagepunkte der Dopingfahnder widerlegen sollte. Die Gegenargumente hatten dem Times-Reporter Landis’ Anwälte in den Block diktiert und er hatte sie brav aufgeschrieben.

Sieger wurde der California-Boy Levi Leipheimer vor dem Berliner Jens Voigt. Leipheimer fand es „great“, zu Hause zu gewinnen. Am liebsten wäre er wohl geblieben – genau wie viele seiner Kollegen. An den europäischen Rennstrecken weht nämlich kein warmer Pazifikwind, sondern eine kühle nordatlantische Brise.

An dieser Stelle erklären die US-Korrespondenten Matthias B. Krause und regelmäßig Phänomene aus dem nordamerikanischen Sport.

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