Sport : Bloß nicht auf die Couch!

Felix Meninghaus

Die Beine sind schwer, die Köpfe leer - und der Ehrgeiz ist ungebrochen. Nationalspieler Lars Ricken brachte die Seelenlage von Borussia Dortmund am besten zum Ausdruck. "Ich habe doch keine Lust, zu Hause auf der Couch zu sitzen und mir die Spiele von Bayern München und Bayer Leverkusen anzuschauen", sagte der Mittelfeldspieler nach dem mühsamen 1:0-Sieg über Dynamo Kiew. Der Weg in die Zwischenrunde der Champions League ist auf einmal wieder frei. Wenn sie denn nicht auf der Couch liegen wollen, müssen die Dortmunder am Dienstag das letzte Vorrundenspiel beim FC Liverpool gewinnen. Bei einem Unentschieden wäre schon Schützenhilfe von Dynamo Kiew gegen Boavista Porto nötig. Die Portugiesen haben wie die Dortmunder acht Punkte, Tabellenführer Liverpool neun.

Überragend war es nicht, was die Borussia gegen die schwachen Ukrainer zeigte. Kapitän Stefan Reuter monierte die "fehlende Lockerheit und Konzentration, so ein Spiel frühzeitig zu entscheiden". Ja, die Dortmunder taten sich schwer. Und das gegen eine Mannschaft, die zwar streckenweise netten Kombinationsfußball zeigte, aber nie die Entschlossenheit aufbrachte, mit der Dortmund hätte gefährdet werden können.

Dynamos Harmlosigkeit war die wichtigste Erkenntnis, die Rudi Völler und Michael Skibbe aus diesem Mittwochabend zogen: Mit Moral und hohem läuferischen Aufwand ist eine ukrainische Mannschaft durchaus zu besiegen. Teamchef Völler und Bundestrainer Skibbe müssen die deutschen Nationalspieler auf die entscheidenden Begegnungen um die WM-Qualifikation gegen die Ukraine vorbereiten. Da mögen solche Fingerzeige hilfreich sein. Schließlich zeichnet Dynamos Trainer Lobanowski auch für die Geschicke der Nationalmannschaft verantwortlich. In Dortmund bot er immerhin sechs Nationalspieler auf. Das Urteil über die harmlosen Ukrainer relativiert sich allerdings mit dem Verweis darauf, dass ihr Superstar Andrej Schewtschenko nicht daheim in Kiew beim Serienmeister Dynamo, sondern in der Serie A beim AC Mailand sein Geld verdient.

Nun musste im Umkehrschluss aber auch Völler zur Kenntnis nehmen, dass der alle überragenden Dortmunder einer war, der Völler und Skibbe in den Play-off-Spielen am 10. und 14. November nicht weiter hilft. Der Tscheche Tomas Rosicky war einmal mehr Denker und Lenker des Dortmunder Spiels - und der Schütze des entscheidenden Tores dazu. Nach 34 Minuten hatte Rosicky sich den Ball geschnappt und mit einer Einzelleistung vollendet, wie sie in der Bundesliga von kaum einem anderen zu sehen ist. Da kann Trainer Sammer noch so oft beteuern, "dass wir nicht von einem Spieler allein abhängig sind, das wäre ja schlimm". De facto steht und fällt das Dortmunder Spiel mit der Leistung des 21-jährigen Hänflings. Rosicky ist als Einziger im schwarz-gelben Luxuskader, der das Spiel auch in schwierigen Situationen gestalten kann. Wenn er ausfällt oder einen schwachen Tag erwischt, ist die Mannschaft ihrer Seele beraubt. Gegen Kiew erwischte Rosicky einen seiner besseren Tage. Zum Glück für die Dortmunder, denn so reichte es für den ebenso knappen wie wichtigen Erfolg.

Es fiel allerdings auf, dass die Borussia die zweite Halbzeit mit deutlich gebremstem Elan bestritten. Was für Reuter in Ordnung ging, "schließlich ist Erfolg in unserer Situation wichtiger als Schönheit". Sammer hatte am Mittwoch gemerkt, "dass die Beine mit jeder Minute schwerer wurden". Und so gewinnt vor den beiden richtungweisenden Auswärtsspielen in Cottbus und Liverpool eine Frage immer mehr an Bedeutung: Wie weit reicht die Kraft? Gegen Kiew war der Dortmunder Kader bereits so sehr ausgedünnt, dass auf der Bank Spieler mit Namen wie Guy Demel, Ahmed Reda Madouni, Francis Bugri oder Florian Thorwart Platz nahmen. Schon mal gehört?

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