Sport : „Blutprofile für jeden Athleten“

Dopingfahnder Augustin fordert mehr Kontrollen

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Herr Augustin, der Radsport gilt seit langem als dopingverseucht. Jetzt wird auch Jan Ullrich verdächtigt. Hatten Sie schon vorher Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit?

Ich habe mich im Mai beim Giro d’Italia gewundert. Da ist Jan Ullrich einfach so mitgerollt. Und beim Zeitfahren hat er dann alle in Grund und Boden gefahren. Das war auffällig, es passte einfach nicht zu seiner Vorbereitung.

Wie könnte Jan Ullrich jetzt seine Unschuld beweisen?

Da fällt mir nur eine DNA-Analyse ein, um abzugleichen, ob die Daten übereinstimmen mit dem, was die Ermittler in Spanien gefunden haben. Mit einer DNA-Analyse lässt sich herausfinden, ob sich ein Athlet mit seinem eigenen Blut gedopt hat. Doping mit Fremdblut kann man damit allerdings nicht ausschließen.

Was halten Sie von Ullrichs Ankündigung, diesen DNA-Test erst nach der Tour de France machen zu wollen?

Das war eine Bemerkung, über die ich gestolpert bin. Ich hätte an seiner Stelle sofort mit allen juristischen Mitteln um einen Tourstart gekämpft. Ich war auch verwundert, dass er so gefasst war. Da bricht doch eigentlich sein Lebenswerk zusammen, und er verhält sich so, als hätten sie ihm gerade sein Fahrrad geklaut. Kann man so professionell sein? Ich weiß es nicht.

Und wie kann sich der Radsport aus der Krise retten?

Vielleicht ist der aktuelle Fall ein neuer Einstieg in die Dopingbekämpfung: Im Grunde muss jetzt für jeden Athleten ein Blutprofil angelegt werden. Die Athleten müssen regelmäßig kontrolliert und ihre Blutwerte gesammelt werden, damit man die individuellen Ausreißer erkennen kann. Solche Blutprofile sollte man grundsätzlich in allen Ausdauersportarten haben. Viele Verbände haben schon Daten gesammelt. Aber das System steckt noch in den Kinderschuhen.

Was sagen denn die Listen aus, die in dem spanischen Labor gefunden und jetzt veröffentlicht wurden?

Sie belegen, was wir immer vermutet haben: Eigenblutdoping ist zurück. Vielleicht war es auch nie ganz verschwunden. Seitdem 2003 Doping mit Erythropoetin, kurz Epo, im Urin nachgewiesen werden kann, wird verstärkt mit Bluttransfusionen gearbeitet, um die Ausdauerleistung zu erhöhen. Eigenblutdoping kann immer noch nicht nachgewiesen werden, keine Chance. Man muss also die Blutbeutel oder Listen finden, wie es jetzt in Spanien geschehen ist.

Welche Erkenntnisse haben die Funde in Spanien über die Ausmaße des Dopings geliefert?

Jetzt ist zum Teil mit Fakten belegt, dass es international arbeitende Netzwerke gibt von Labors und Ärzten, die Dinge tun, die mit ihrem ärztlichen Ehrenkodex nicht vereinbar sind. Dahinter stecken kommerzielle Interessen, die Ärzte machen das alles nicht umsonst. Die Wahrheit über diese Netzwerke werden wir wahrscheinlich erst wissen, wenn man ein solches Netzwerk komplett ausgehoben hat. Diese Netzwerke arbeiten auf jeden Fall sehr diskret und wohl auf Empfehlung.

Warum ist das alles gerade jetzt aufgeflogen?

Die einfache Antwort ist: Weil man aufhört, das Thema als Kavaliersdelikt zu behandeln – auch im Internationalen Radsportverband, von dem man das bisher nicht erwartet hatte. Außerdem hatte Spanien wohl Nachholbedarf, was den Kampf gegen Doping betrifft.

Was bedeutet die ganze Affäre für den Kampf gegen Doping?

Im Grunde sind es zwei Dinge: Erstens funktioniert der Kampf gegen Doping nur, wenn Staat und Sport zusammenarbeiten. Ein Labor kann eben nicht von einem Verband durchsucht werden, sondern nur vom Staat, am besten länderübergreifend von verschiedenen Behörden. Zweitens muss man sich in der Dopingbekämpfung von manchen Ansichten verabschieden, die man lieb gewonnen hat. Bisher haben wohl Millionen an Jan Ullrich geglaubt. Dieser Glaube ist jetzt erschüttert.

Wie sollten Sport und Staat in Deutschland künftig Doping bekämpfen?

In Spanien hat die Guardia Civil den Betrug aufgedeckt. Sie ist sicher ein Sonderfall, genau wie die amerikanische Finanzbehörde, die mitgeholfen hat, den Fall um das Balco-Labor in San Francisco aufzuklären. Beide arbeiten übergreifend und unabhängig. Bei uns gibt es keine vergleichbaren Behörden. Aber wir könnten einiges mit Schwerpunktstaatsanwaltschaften ausgleichen. Da kann man Kompetenzen aus verschiedenen Bereichen bündeln. Es geht aber nicht um Sport oder Staat. Der Staat ist einer der größten Sponsoren des Sports. Man muss sich gegenseitig helfen. Die Macht eines Kontrolleurs reicht eben nicht, um einen Mannschaftsbus zu durchsuchen. Und Blutbeutel wie in Spanien können nur vom Staat sichergestellt werden.

Was könnte als Nächstes ans Licht der Öffentlichkeit kommen?

Ich erwarte, dass vor der nächsten großen Veranstaltung wie der Leichtathletik-Europameisterschaft im August in Göteborg weitere Namen bekannt werden. So viel wissen wir schließlich schon: Die Netzwerke arbeiten sportartenübergreifend. Sie beliefern Sportarten, die ähnlich aufgebaut sind. Sowohl beim Skilanglauf als auch im Radsport und im Langstreckenlauf geht es darum, Sauerstoff über das Blut in die Zellen zu transportieren, um die Ausdauerleistung zu erhöhen.

Das Gespräch führte Friedhard Teuffel.

Roland Augustin , 43, ist seit 2002 Geschäftsführer der Nationalen Antidoping-Agentur (Nada) mit Sitz in Bonn. Der Dopingexperte ist promovierter Lebensmittelchemiker.

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