BMW-Teamchef Theissen : "Vettel kann später noch für uns fahren"

BMW-Teamchef Theissen über eine verkorkste Saison und die bevorstehende Einigung im Regelstreit

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Mario Theissen, 56, ist Motorsportdirektor bei BMW und seit 2006 Teamchef des Formel-1-Rennstalls BMW-Sauber. Sein Team liegt...EPA

Herr Theissen, werden Sie nächstes Jahr noch in der Formel 1 antreten? Wie weit sind die Verhandlungen mit der Fia? Gibt es Hoffnung auf eine Einigung im Regelstreit?

Es gibt mehr als Hoffnung. Wir sind auf einem sehr guten Weg, und es ist eigentlich nur noch Feinschliff zu machen. Ich rechne damit, dass in den nächsten Tagen, Wochen ein Concorde Agreement unterschrieben wird. Es gibt keine grundsätzlichen Differenzen mehr.

Dann können Sie sich ja auf Ihre eigenen Probleme konzentrieren. Was macht man mit einer Saison, wenn man das Saisonziel nicht mehr erreichen kann?

Das ursprüngliche Ziel, um den Titel zu fahren, ist nicht mehr erreichbar, das stimmt. Jetzt geht es darum, in der zweiten Saisonhälfte den Trend zu drehen, das Auto schnell zu machen und die Lücke nach vorn zu schließen.

Sie benutzen die Grand-Prix-Rennen als Testfahrten?

Es ist eine Mischung aus Entwicklungsarbeit und Rennbetrieb. Es gibt gute Gründe, die Arbeit an dem Auto in diesem Jahr nicht einzustellen. Der erste ist, dass wir in der kommenden Saison praktisch das gleiche Reglement haben werden. Alles, was wir am diesjährigen Auto machen, können wir fast 1:1 auf das nächstjährige übertragen. Der zweite ist, dass wir in der Saison ein Testverbot haben, also ist das Rennwochenende die einzige Chance, etwas auszuprobieren. Der dritte ist, dass wir verstehen müssen, wo wir stehen und wie wir das Auto wieder schnell machen. Das ist auch für das nächste Jahr wichtig.

Stattdessen kämpfen Brawn und Red Bull um den Titel, durch das neue Reglement sind die Topteams nach hinten durchgereicht worden. McLaren-Mercedes und Ferrari sind bei ihrer Aufholjagd aber schon weiter vorangekommen als Sie. Sie setzen auf ein vergleichsweise kleines Team. Haben Sie nicht genug Reserven?

Mit Renault sind es vier Topteams, die nach hinten durchgereicht wurden. Davon haben Ferrari und McLaren die meiste Erfahrung und die meisten Kapazitäten. McLaren hat schon im Winter erkannt, dass sie nicht bei der Musik sind, während wir noch bis Saisonanfang dachten, wir haben ein schnelles Auto. Die haben wahrscheinlich schon viel früher den Kurs gewechselt und zeigen deswegen eine Trendumkehr, die hoffentlich bei uns jetzt demnächst kommt.

In der Öffentlichkeit stehen Sie da, als würden Sie sich als Global Player von kleinen Teams wie Force India oder Brawn auf der Nase herumtanzen lassen. Das kann einem Weltkonzern wie BMW nicht gefallen. Können Sie sich noch einmal eine solche Saison leisten, oder gibt es klare Vorgaben vom Vorstand?

Klar gibt es einen Anspruch, aber der kommt gar nicht so sehr vom Vorstand, sondern von uns selbst. Die Mitarbeiter sind unzufrieden und wollen es wieder besser machen.

Auch weil man weiß, dass man ein so teures Unternehmen wie die Formel 1 mit Erfolgen rechtfertigen muss?

Natürlich spielt das eine Rolle. Deswegen ist es für uns alle wichtig, dass wir die Trendumkehr schaffen.

Aber diese Saison ist doch interessant, oder?

Aus Sicht der Fans ist das sicher belebend, aus unserer Sicht wäre es besser, wenn wir an Brawns Stelle wären.

Können Sie aus Sicht des Automobilverbands Fia nicht trotzdem verstehen, dass er die kleinen Teams wieder stärken will? In der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft hat man am Beispiel Opel gesehen: Wenn ein Hersteller lange hinterherfährt, zieht er sich irgendwann zurück.

Klar kann es passieren, dass Teams aussteigen, aber das passiert genauso mit unabhängigen Teams, nur aus anderen Gründen. Weil das Geld fehlt zum Beispiel.

Möchten Sie das Reglement auch deswegen festzurren, um eine weitere solche Saison zu vermeiden? Sie wollen die Zufallskomponente ausschalten und wirtschaftliche Kraft obsiegen lassen.

Nein, der Druck der Reglementstabilität kommt aus dem Bestreben, die Kosten in den Griff zu kriegen. Und da ist jede Änderung Gift, weil dann wieder teuer neue Autos gebaut werden müssen. Das gilt für die kleinen Teams wie für die großen.

Die Formel 1 ist auch ein Schillerwettbewerb. Sie setzen auf Effizienz und ein kompaktes Team. Werden Sie daran festhalten oder jetzt mal richtig auf den Putz hauen?

Wir werden genau auf dem Weg bleiben. Es kommt ein neuer Faktor dazu, nämlich die Kostenreduzierung, die die Teams vereinbart haben. Da geht es um Personal und um Geld, und das wird darauf hinauslaufen, dass sich die großen Teams 2010 zunächst auf unser Niveau begeben und wir dann gemeinsam im nächsten Schritt das Niveau der frühen neunziger Jahre erreichen.

Dennoch: Sie hätten mit dem zweimaligen Weltmeister Fernando Alonso, der mit Ihnen verhandelt hat, und Sebastian Vettel die schillerndste Fahrerpaarung der Formel 1 haben können. Alonso war Ihnen zu teuer, Vettel haben Sie zu Red Bull ziehen lassen, weil Sie ihm keine Steine in den Weg legen wollten. Sind Sie zu brav oder zu bodenständig für die Formel 1?

Die Fahrer, die sie genannt haben – das ist eine Hypothese. Dazu will ich nichts sagen. Der Weg, den wir in den letzten drei Jahren gegangen sind, zeigt, dass wir in diesem Geschäft unser Handwerk verstehen und an die Spitze fahren können.

Aber mal ehrlich: Sebastian Vettel wäre schon ein guter Markenbotschafter. Sie haben doch bestimmt schon mal abends mit der Faust auf den Nachttisch gehauen, weil Sie ihn haben gehen lassen.

Der Sebastian hat, wenn es gut geht, noch 15 Jahre Formel-1-Karriere vor sich. Der kann noch später für uns fahren.

Dann müssen Sie aber auch noch so lange in der Formel 1 bleiben.

Nicht unbedingt. Das hängt ja nicht an meiner Person.

Und wer fährt nächste Saison für BMW- Sauber? Folgende Gerüchte rauschen momentan durchs Fahrerlager: Robert Kubica will weg, Nick Heidfeld ist am Zenit seiner Karriere angelangt.

Zenit ist doch nicht schlecht (lacht). Nein, wir werden zur nächstjährigen Fahrerpaarung vor September nichts sagen.

Nico Rosberg hat Gespräche mit Ihnen bestätigt.

September.

Die Fragen stellte Christian Hönicke.

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