Bob : „Als wenn dich jemand unaufhörlich schlägt“

Die Serie der schmerzhaften Stürze setzt sich auch in den ersten beiden Läufen der Zweierbobs fort – jetzt wollen die Organisatoren die Fahrzeuge durch Korrekturen an der Bahn sicherer ins Ziel leiten.

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Linie verloren. Der Japaner Hiroshi Suzuki kippt mit seinem Bob auf der Hochgeschwindigkeitsbahn von Whistler um - er ist nicht...Foto: AFP

Mit nacktem Oberkörper steht der Bobpilot John Jackson neben der Eisbahn und weigert sich, ein T-Shirt anzuziehen. „Es brennt zu sehr“, sagt der Pilot aus Großbritannien. Seinen Rücken zieren zwanzig Zentimeter lange blutige Schrammen. Sein Bremser Dan Money hatte ihm seine mit Spikes besetzten Schuhe in die Haut gerammt, als ihr Zweierbob in der Kurve 13 gestürzt war. „Beim Rutschen brannte das Eis zu sehr“, erklärt Money, „da habe ich entschieden, mich von ihm abzustoßen und auszusteigen.“ Beide entstiegen der Bahn – von zahlreichen blutigen Schrammen abgesehen – unverletzt und wurden von den Bobfans im Ziel mit Beifall und Jubel empfangen. Teils galt er aber auch Jacksons nacktem Oberkörper.

Die Sturzserie auf der Bobbahn von Whistler hat sich auch in den ersten beiden Läufen im Zweierbob fortgesetzt. Vier Bobs fuhren nicht aufrecht über die Ziellinie, darunter ein Mitfavorit auf eine Medaille, Kanada I mit Lyndon Rush und Lascelles Brown. Letzterer beschreibt seine Sekunden im umgestürzt rutschenden Bob so: „Es ist, als ob dich jemand unaufhörlich schlägt, bis der Bob zum Stehen kommt.“ Dieser Sturz habe gezeigt, dass die Bahn immer noch nicht sicherer ist, findet Kevin Kuske: „Da werden in der Nacht die Lichter brennen müssen, weil noch am Eis gerubbelt werden muss.“

Im Gegensatz zu den Briten und Kanadiern ist der Bremser aus Potsdam sicher und schnell durch die 1.450 Meter lange Bahn in Whistler gerast. Nach dem ersten Tag lag er mit seinem Piloten André Lange elf Hundertstelsekunden vor Deutschland II mit Thomas Florschütz und Richard Adjei.

Für Kevin Kuske ist die Bahn nicht zu schwierig, sondern nur zu schnell

Kevin Kuske schätzt die Eisbahn, auf der am Eröffnungstag der Olympischen Spiele der georgische Rodler Nodar Kumaritaschwili tödlich verunglückt war, als nicht zu schwierig ein. Nur als außerordentlich schnell. „Die Bahnen in Altenberg und Lake Placid sind ähnlich schwierig“, sagt er, „jede Bahn hat ihre Tücken, aber hier passiert mehr, weil du eine höhere Geschwindigkeit hast.“ Bereits im Training hatte es 14 Stürze gegeben, der Schweizer Europameister Beat Hefti sagte nach einem Sturz in der Passage zwischen Kurve elf und 14 seinen Start bei den Spielen ab, wegen einer Gehirnerschütterung. „Wenn man Angst hat, sollte man es lassen“, findet Kuske.

Doch offenbar haben auch die Olympia-Organisatoren Angst. Sie haben nach den Trainingsstürzen die Kurve 13 entschärft. Die Fahrer nennen sie „Fifty-Fifty“, nach den Chancen, heil aus ihr wieder herauszukommen. Auf Drängen des deutschen Sportdirektors Thomas Schwab ist das Eis im zweiten Teil der Kurve steiler geformt worden. „Wenn der Bob nur halbschräg steht, kann man ihn nicht rauslenken“, sagt er, „der muss richtig steil an der Wand stehen, dann kann er eine flache Linie halten.“ Allerdings war Schwab am Samstag noch nicht zufrieden. „Die Bahn ist jetzt sicherer, aber man könnte aus der Fifty-Fifty eine Fünfundneunzig-Fünf machen“, sagt er, „ich würde unten noch Eis rausnehmen und oben anfügen, dann kommt der Bob in eine Zwangslinie, aus der er nicht mehr rauskommt.“ Er wolle weiter auf so eine Lösung hinwirken, wirkt allerdings auch frustriert.

Gefahr beim Viererbob noch größer

Für die Viererbobs birgt sie zurzeit noch eine große Herausforderung. „Der Viererbob ist träger, er wiegt 640 Kilogramm“, sagt Schwab, „André Lange sagt, er kann die Kiste kaum noch drehen.“ Ein Zweierbob sei wie ein Kleinwagen zu lenken, erklärt Kuske, der Viererbob aber fahre wie ein Lastwagen.

Die beiden gestürzten Briten sehen die Bahn nicht so kritisch. „Sie ist hervorragend, es macht Spaß auf ihr zu fahren“, sagt John Jackson, der Mann ohne T-Shirt. Er war ebenfalls in der berüchtigten Fifty-Fifty-Kurve gestürzt. „Wir haben denselben Fehler gemacht, den alle anderen in dieser Woche auch gemacht haben“, ärgerte er sich.

Nachdem die beiden Briten ohne ihren Bob im Zielbereich angekommen waren, sprang Dan Money über die Bande und nahm seine Frau in den Arm. „Sie macht sich immer zu viele Sorgen, ich wollte ihr zeigen, dass ich okay bin“, sagt der Bobfahrer. Es sei nun mal ein gefährlicher Sport, auch der tödliche Unfall habe keine Konsequenzen für die Piloten. „Nach einem Autounfall fahren die Menschen doch auch weiter Auto“, sagt Money. Am Wochenende wollen die beiden Briten auf jeden Fall wieder in den Viererbob steigen. Wenn John Jackson bis dahin wieder ein T-Shirt überziehen kann.

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