Bobby Fischer : Acht Eier und ein Brief in der Nacht

Als Bobby Fischer gegen Boris Spasski gewann, wurde Schach zum Teil des Kalten Krieges. Doch für Ideologien eigneten sich beide nicht.

Norbert Thomma

Das Duell war inszeniert nach dem Muster eines 007-Thrillers. Der Westen kämpft gegen den Osten, das Gute hat gegen das Böse zu siegen, der Kapitalismus sollte dem Kommunismus am Ende überlegen sein. Nur rangen diesmal nicht James Bond und ein irrer Russe miteinander, es ging nicht um den smarten Geheimagenten und einen Finsterling mit Augenklappe, wie man es aus dem Kino kannte. Es ging um Sport, um einen komplett körperlosen Sport zudem: Es ging um Schach.

Am 11. Juli 1972 beugte sich der Sowjetbürger Boris Spasski, 35, nach vorne, seine rechte Hand griff einen Bauern und schob ihn nach vorn. Es war 17 Uhr in Reykjavik – und die 28. Weltmeisterschaft hatte begonnen. Auf der anderen Seite des Bretts saß Robert James Fischer, genannt Bobby, 29 Jahre alt und gebürtig in Chicago, USA. Und vor den Fernsehern saß die ganze Welt und sah zu.

Das Spiel mit den 64 schwarzen und weißen Feldern war schon lange die Hegemonie der Sowjetunion gewesen. Vier Millionen Menschen spielten hier Schach, seit 1948 war der Titel des Weltmeisters stets im Land geblieben; dagegen gab es gerade 30 000 Schachspieler in den USA, so gut wie nichts. Wäre da nicht jener Bobby Fischer, vor dem sich selbst „Sowjetskij Sport“ ein Jahr zuvor mit religiöser Metaphorik verneigt hatte: „Ein Wunder ist geschehen.“ Denn da fegte Fischer 19 Spitzenspieler hintereinander weg, zwei der besten mit einem glatten 6:0. Eine Weltsensation.

Doch was dann in Island geschah, faszinierte nicht nur sportlich. Zu bestaunen war ein Mix aus Irrsinn und Paranoia, Kasperltheater und großer Oper.

Fischer gab dabei den exzentrischen Lärmbeutel: „Es geht im Grunde um die freie Welt gegen die verlogenen, betrügerischen, heuchlerischen Russen.“ Solche Sätze sagte der lange Schlaks mit grellgrünem Anzug, zu dem er quietschgelbe Slipper trug. Zuerst einmal war er gar nicht angereist. In New York versteckt pokerte er um die Höhe des Preisgeldes, verpasste den Start der WM, bis Außenminister Henry Kissinger über Anwälte ausrichten ließ: „Amerika wünscht sich, dass Sie da hinfahren und den Russen besiegen.“

Auch später nervte er die Veranstalter und seinen Gegner ständig. Mal forderte er vier Bodyguards und diplomatische Nummernschilder, mal störten Kamerageräusche oder Bonbons der Zuschauer, mal war ihm nach exklusiver Nutzung von Pool und Tennisplatz. Es gab kaum eine Schachpartie, zu der Fischer pünktlich erschienen wäre. Zum Frühstück stopfte er hektisch acht Eier in sich hinein. Sein exaltiertes Auftreten mündete in dem Witz der Gastgeber, Fischer habe verlangt, die Sonne solle in Reykjavik drei Stunden früher untergehen.

Das sollte der Protagonist des freundlichen Westens sein? Der US-Amerikaner trieb es derart toll, dass sich der Schriftsteller Arthur Koestler vor Ort sorgte: „Bobby ist ein Genie, doch als Propagandist für die freie Welt ist er eher kontraproduktiv.“ Das Magazin „Newsweek“ attestierte Fischer „eine turbulente Mischung aus Arroganz und Unreife“.

Wie anders dagegen Boris Spasski, der Titelverteidiger aus der Sowjetunion. Er war ruhig und ernst, er trug Anzug mit Weste, wobei Einstecktuch und Krawatte farblich fein abgestimmt waren. Sein Auftreten ließ den britischen „Telegraph“ schwärmen: „kultiviert, charmant, ein bürgerlicher Individualist“.

Spasski hätte es sich leicht machen können. Die Regelverstöße von Fischer waren derart eklatant, dass niemand einen Rückzug des Russen übel genommen hätte; der Weltmeistertitel wäre dann weiterhin bei ihm geblieben. Und tatsächlich machte man sich in Moskau Sorgen um seine psychische Verfassung. Selbst das Zentralkomitee der Partei schaltete sich ein, der Leiter der Abteilung für Agitation und Propaganda meldete sich und verlangte: abreisen, sofort! Boris Spasski jedoch blieb. Warum? Vielleicht war es sein Sportsgeist, vielleicht auch nur das damals unfassbar hohe Preisgeld von 750 000 Mark (West), das sich die Kontrahenten teilen konnten. Längst ist all das politisch verklärt. Diese Schach-WM, so die gängige Lesart, sei zum übertragenen Schauplatz des Konfliktes des Westens mit dem Osten geworden. Noch gestern schrieb die „taz“ in Fischers Nachruf, sie habe „auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges“ stattgefunden. Mit der weltpolitischen Situation 1972 hat diese Sicht wenig zu tun. Einerseits waren die USA mit sich selbst beschäftigt: der Krieg in Vietnam erlebte seine späte Phase, Präsident Nixon war durch die Watergate-Affäre unter Druck geraten. Andererseits gab es 1972 vielfältige politische und diplomatische Aktivitäten: Richard Nixon besuchte als erster US-Präsident die Volksrepublik China; Kreml-Chef Leonid Breschnew erkannte die Existenz der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft an; Nixon und Breschnew unterzeichneten in Moskau das Abrüstungsabkommen Salt I; die Bundesrepublik nahm diplomatische Beziehungen zu Polen und China auf; und schließlich: DDR und Bundesrepublik unterschrieben den Grundlagenvertrag.

Doch viel Annäherung ist derweil in Reykjavik nicht zu spüren. Fischer wähnt sich von russischen Psychodrogen beeinflusst und vom Geheimdienst abgehört, er flüchtet häufig in den US-Stützpunkt Keflavik. Spasski fühlt sich nach einem Obstsaft lethargisch, doch Chemiker in Moskau können in der eingeflogenen Flüssigkeit nichts finden. Die Nerven liegen blank. Eines Nachts schleicht sich Fischer in Spasskis Hotelzimmer und legt ein Briefkuvert neben dem Schlafenden ab.

Anfang September, nach 52 Tagen, hat Bobby Fischer mit 12,5 zu 8,5 Punkten gewonnen. Zur Siegerehrung erscheint er im violetten Samtanzug, mit 55 Minuten Verspätung. Er werde sich zurückziehen und bis zu seinem Tod nie wieder eine offizielle Schachpartie spielen, verkündete er. Fischer machte das – mit Ausnahme einer inoffiziellen Revanche 1992 gegen Spasski – wahr, was die Welt nicht glauben mochte. Er tauchte ab, zog sich zurück, bis zu seinem Tod in dieser Woche. Boris Spasski wurde nach seiner Niederlage zum Rapport vors Politbüro zitiert, doch er gewann glänzend die nächste Sowjetmeisterschaft. Wenig später durfte er nach Paris ziehen, wo er noch heute mit seiner französischen Frau lebt.

Die Schablone des Ost-West-Konflikts wird wohl ewig über diesem dramatischen Sportereignis liegen. Vergessen wird dabei, dass sich Fischer mehr für sich selbst als für die Politik interessierte – und dass Boris Spasski trotz aller Privilegien kein Apparatschik war, nicht einmal Mitglied der Kommunistischen Partei. So unterhaltsam wie aufregend dieser Thriller auch bleibt: Als Hauptdarsteller eines ideologischen Kampfes waren die beiden Kontrahenten schlecht gewählt.

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