Bobfahrerin Lolo Jones : Ihre Disziplin heißt Drama

Als Hürdensprinterin verpasste die US-Amerikanerin Lolo Jones zweimal knapp eine Olympiamedaille – jetzt soll es im Bob klappen. Doch ihr Start provoziert.

Reinhard Sogl
Hingucker. Bobbremserin Lolo Jones erregt in den USA viel Aufmerksamkeit – mit ihrem Aussehen, ihren Aussagen und ihrer kurz vor dem Ziel verpassten Olympiamedaille im Hürdenlauf.
Hingucker. Bobbremserin Lolo Jones erregt in den USA viel Aufmerksamkeit – mit ihrem Aussehen, ihren Aussagen und ihrer kurz vor...Foto: dpa

Für Sport im Winter hat sich Lolo Jones schon immer erwärmen können. 2008 und 2010 wurde sie im Winter Weltmeisterin – über 60 Meter Hürden in der Halle. Den dritten WM-Titel gewann die 31-Jährige mit dem Modelgesicht vor zwölf Monaten: als Anschieberin im Bob von Elana Meyers im Teamwettbewerb. Am Dienstag und Mittwoch soll sich der Traum von einer Olympiamedaille endlich erfüllen für Jones. Dem olympischen Motto vom Dabeisein kann sie so gar nichts abgewinnen: „Wenn ein Olympiateilnehmer nicht an eine Medaille denkt, sollte er erst gar nicht antreten.“

Eine Aussage der eher harmlosen Art der US-Amerikanerin, von der es weit provokantere Statements gibt. So stellte sie nach ihrer ersten Wintersportsaison im vergangenen Jahr ein Foto von sich mit einem Scheck des Verbandes in Höhe von 741,84 Dollar ins Internet mit der Bemerkung, dass die Summe ja wohl ein Witz sei für sieben Monate Hochleistungssport. Die Aktion empfand Viererbob-Olympiasieger Steven Holcomb „als Schlag ins Gesicht für jeden im US-Verband“.

Noch mehr Wirbel hatte Jones mit einem Fernsehinterview vor Olympia 2012 verursacht. Die erklärte Christin sagte, sie wolle sich ihre Unberührtheit „als Geschenk für meinen Mann aufheben. Aber bis zur Hochzeit Jungfrau zu bleiben, ist härter, als für Olympia zu trainieren.“

Jones eilt der Ruf der Dramaqueen voraus

Jones eilt der Ruf der Dramaqueen voraus. Im olympischen Finale von Peking 2008 in Führung liegend, trat sie in die neunte Hürde und wurde Siebte. Es folgten acht Sponsorenverträge in vier Jahren und ein unbekleideter Auftritt in einem Magazin des Sportkanals ESPN. In London 2012 fehlte ihr als Vierte des 100-Meter-Hürden-Endlaufs nur eine Zehntelsekunde zu Bronze.

Jones als Hürdensprinterin bei den Sommerspielen.
Jones als Hürdensprinterin bei den Sommerspielen.Foto: Imago

Jetzt führt Jones die Tradition ehemaliger Leichtathleten im Bob fort. Mehr als 90 Prozent aller sogenannten Bremser, deren Hauptaufgabe das genaue Gegenteil ist, nämlich anschieben, haben eine Vergangenheit als Läufer, Springer oder Werfer. Jones ist nicht die einzige Leichtathletin, die zwei Jahre nach London in Sotschi für das US-Bobteam startet. Lauryn Williams, 100-Meter-Weltmeisterin von 2005, hat mit der Sprint-Staffel sogar Olympiagold in London gewonnen.

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Berichtet wird jedoch vor allem über Lolo Jones, die im Bob USA 3 hinter Jazmine Fenlator gesetzt ist. Jones ist schön, schnell und weiß: Sex sells, kontroverse Meinungen sind für Schlagzeilen gut, und schicksalsträchtige Niederlagen lassen sich vermarkten. Ihrem Bekanntheitsgrad hat Platz vier in London jedenfalls nicht geschadet. Die Tränen sind längst getrocknet. Dieser Tage stellte Jones ein Bild von sich an der Bobbahn in Krasnaja Poljana auf ihre Facebook-Seite und schrieb: „Vor zwei Jahren bin ich bei den Sommerspielen zum inneren Frieden gelaufen. Ich hatte keinen Schimmer, dass mein nächstes olympisches Rennen auf Eis sein würde. Buch der Sprüche 16.9.“

Jones wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf

Der Mensch denkt, Gott lenkt, bedeutet dieses Bibelwort. Jones wuchs in ärmlichen Verhältnissen im Bundesstaat Louisiana auf und bedient in sozialen Netzwerken die Fraktion der Evangelikalen unter ihren Fans. 289 000 Daumen-hoch-Symbole hat sie auf Facebook gesammelt, 386 000 Menschen folgen Jones auf Twitter.

Es war nicht nur Neid, der Emily Azvedo zynisch formulieren ließ: „Ich hätte mehr daran arbeiten sollen, Twitter-Follower zu generieren als Muskelmasse.“ Die altgediente Anschieberin wurde vom Verband ebenso in ihren olympischen Ambitionen ausgebremst wie Katie Eberling, die wie keine zweite Amerikanerin Bobs in die Erfolgsspur geschoben hat.

Die Bevorzugung von Jones führte in US-Medien zu Kritik und sogar der Behauptung, der Olympiasender NBC habe bei der Nominierung mitgemischt, weil er Sexappealersatz gesucht habe, nachdem Skistar Lindsey Vonn ihren Start verletzt abgesagt hatte. NBC und der Verband wiesen den Vorwurf als „lächerlich“ zurück.

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