Bobsport : "Jeder präpariert pro Tag zweieinhalb Stunden"

Für Bobsportler sind Kufen ein Heiligtum – Olympiasieger André Lange hat seine kleinen Geheimnisse

André Lange
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Schienen auf Eis. André Lange (vorn) und Anschieber Kevin Kuske am Start. Foto: dpa

Wintersport ist eine technisch anspruchsvolle Angelegenheit. Da werden Kufen geschliffen, Ski gewachst und Schlitten konstruiert. Manchmal kann das Material sogar über den Sieg entscheiden. In unserer Serie erklären erfolgreiche Athleten, wie sie ihre Sportgeräte pflegen, an ihnen basteln und mit ihnen verreisen. Heute: André Lange über die Kufen im Bobsport.

Endlich geht es wieder los, wir sind schon wieder in Königssee. Nachdem ja der Weltcup auf der Olympiabahn in Cesana ausgefallen war, gab es für uns Bobfahrer eine zu dieser Jahreszeit ungewohnt lange Pause. Aber es war auch mal ganz schön, nicht jeden Tag dem selben Ritual frönen zu müssen: früh Bobfahren, am Nachmittag etwas für die Athletik tun und am Abend die Technik auf Vordermann bringen. Letzteres heißt vor allen Dingen, die Kufen zu präparieren. Etwa zweieinhalb Stunden muss jedes Mitglied unserer Vierercrew dafür einplanen. Ein wenig hängt es ja auch davon ab, wie die Kufen nach dem Training aussehen. So oder so, geschliffen und poliert werden sie immer.

Die Kufen sind für uns Bobsportler etwas Heiliges. Es soll sogar Piloten geben, die ihre Schienen – sorgsam in weichen Tüchern eingewickelt – in der Nacht unter ihrem Bett ablegen. So weit ist das bei mir nicht, aber sicher gelagert sind sie schon. In der Wettkampfpause zum Jahreswechsel befanden sich meine in einer speziellen Kiste in einem abgeschlossenen LKW, und der stand in einer Garage, in der auch die Bobs abgestellt waren. Dort kam kein Unbefugter herein.

Ein Verlust der Kufen wäre schon sehr schlimm. Zwar ist das bei uns nicht mehr so wie früher, als jeder Pilot seine Wunderkufen selbst herstellen lassen konnte, aber es steckt immer noch sehr viel Entwicklungsarbeit in ihnen. Eigentlich ist man in seiner Sportlerkarriere ständig auf der Suche, den maximalen Schliff zu finden. Aber irgendwie geht es immer noch besser. Und keine Bahn ist schließlich gleich, hinzu kommen die verschiedenen Witterungsbedingungen. So kann man nur versuchen, sich an das Optimum heranzutasten. Wären die bereits entwickelten Kufen plötzlich einmal weg, könnte ich zwar meine Erfahrungen einbringen, aber es ginge dennoch von vorn los. Ich habe für den Zweier- und für den Vierer-Bob jeweils vier Sätze.

Seit 2006 werden die Stahlkufen im Bobsport generell von einem Hersteller in der Schweiz bezogen. Aber was wir von dort bekommen, das sind speziell markierte Rohlinge. Sie sehen zwar wie Bobkufen aus, aber die eigentliche Feinarbeit an ihnen beginnt dann erst. Sie werden nicht nur geschliffen, sie müssen auch dem jeweiligen Bob angepasst werden. Da ich in dieser Saison im Zweier und im Vierer jeweils einen FES-Schlitten fahre, ist klar, dass es meinerseits mit dem Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten in Berlin eine enge Zusammenarbeit gibt. Ich war mehrmals dort, und bei vielen Wettkämpfen sind FES-Techniker dabei. Aber letztlich entscheide ich als Chef der Crew, was passiert. Bis zum gewissen Grad arbeiten die deutschen Teams auch zusammen, aber jeder hat auch seine kleinen Geheimnisse. Trotzdem wäre es mir schon recht, wenn der – nun auch nicht mehr ganz so junge – Nachwuchs unseres Verbandes schnellere Fortschritte machen würde.

Natürlich schaue ich mir auch die Kufen der Konkurrenz an, kann da schon das eine oder andere erkennen. So gibt es Unterschiede in den Formen und der Dicke. Jetzt bin ich 35 Jahre alt, da hat man doch schon einiges an Erfahrungen gesammelt. Bei uns ist es ja Vorschrift, dass 45 Minuten vor dem Start der Bob komplett fertig sein muss, danach keine Arbeiten an ihm mehr erfolgen dürfen. Aber vorher geht alles ziemlich offen zu, verheimlichen kann man da nicht mehr sehr viel. Bei mir laufen die Kufen in dieser Saison bisher sehr gut. Ich bin richtig gespannt, ob das in Königssee so bleibt.

Aufgezeichnet von Hartmut Moheit. Bisher erschienen: Jenny Wolf über Schlittschuhe (22.12.), Michael Neumayer über Sprung-Skier (29.12.), Kathrin Hitzer über das Gewehr der Biathleten (30.12.), Holger Höhne über den Besen der Curler (4.1.).

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