Sport : Bode? Rehmer? Bierhoff?

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Von Stefan Hermanns

Miyazaki. Früher, zu Zeiten des sowjetrussischen Kommunismus, kann es für die Korrespondenten in Moskau nicht schwieriger gewesen sein: Als es keine Informationen aus dem Kreml gab, nur offizielle Verlautbarungen, die zwischen den Zeilen möglicherweise sensationelle Neuigkeiten enthielten.

Möglicherweise aber auch nicht. Den Journalisten bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Miyazaki geht es ähnlich. Nur dass es aus der Teamführung nicht einmal offizielle Verlautbarungen gibt. Es gibt allenfalls indirekte Hinweise, Vermutungen und Spekulationen. Dass zum Beispiel in der vorletzten Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Kamerun der bisherige Ersatzspieler Marco Bode zum Frage-und-Antwort-Spiel mit den Journalisten erscheint – ist das nicht ein deutlicher Hinweis? „Ich habe noch kein Zeichen bekommen“, sagt Bode, „weder dass ich spielen könnte noch dass ich nicht spielen werde." Zweimal hat die deutsche Nationalmannschaft bei diesem WM-Turnier mit denselben elf Spielern begonnen, am Dienstag (13.30 Uhr/live im ZDF) gegen Kamerun, bei der letzten und entscheidenden Vorrundenbegegnung aber, wird es wohl erstmals Veränderungen in der Startformation geben. Für Bode könnte es, wenn er denn spielt, sein letztes Länderspiel sein. Wie der Münchner Thomas Linke gab der Bremer gestern bekannt, dass er nach der WM nicht mehr in der Nationalmannschaft spielen wird.

Bekommt Bode nun gegen Kamerun sein Abschiedsgeschenk? „Da wird natürlich immer viel spekuliert“, sagt Teamchef Rudi Völler. So ist es. Es wird zum Beispiel spekuliert über Christian Ziege, dessen bisheriges Auftreten allgemein als enttäuschend empfunden wurde. Mögliche Kandidaten für seine Position im linken defensiven Mittelfeld sind der Schalker Jörg Böhme und der Bremer Bode. Beide haben ihre Stärken jedoch eher in der Offensive, und Ziege gehört zu jenen Spielern, an denen Völler, der treue Rudi, bisher bedingungslos festgehalten hat.

Spekulieren könnte man auch über Torsten Frings, Zieges Gegenstück auf der rechten Seite. An der Leistung des Bremers gibt es zwar keine echte Beanstandung, aber vielleicht will Völler seine Grundformation gegen Kamerun ein wenig defensiver anlegen. Den Deutschen genügt schließlich ein Unentschieden zum Einzug ins Achtelfinale. In diesem Fall könnte Marko Rehmer Frings ersetzen. Der Berliner, der seit drei Monaten kein Pflichtspiel mehr bestritten hat, wäre auch ein Kandidat für die Innenverteidigung, falls Christoph Metzelder nach seiner Knöchelverletzung noch nicht hundertprozentig fit ist. Wie wichtig das ist, hat das Spiel gegen Irland gezeigt, als Metzelder in der Nachspielzeit gegen Niall Quinn das entscheidende Kopfballduell verlor, das zum Ausgleich führte. Da hatte der Dortmunder bereits Probleme mit dem Knöchel, und Metzelder musste zugeben, „dass ich ihn wahrscheinlich entscheidender stören kann“, wenn er die nicht gehabt hätte. Der Verteidiger machte aber schon am Sonntag wieder das komplette Mannschaftstraining mit.

Gestern meldete sich mit Miroslav Klose auch der zweite Problemfall wieder einsatzbereit. „Die Ärzte sind zuversichtlich, dass ihn die Knieverletzung nicht behindern wird“, sagt Bundestrainer Michael Skibbe. Wenn Klose spielt, könnte nur noch über die zweite Position im Sturm spekuliert werden. Carsten Jancker hat gegen die Iren nicht überzeugt. „Ich würde mich spielen lassen“, ließ Oliver Bierhoff gestern via „Welt am Sonntag“ verlauten. Er, Bierhoff, könne genauso gut etwas für den Spielaufbau tun wie Jancker, „außerdem bin ich torgefährlicher".

Die Äußerungen des früheren Kapitäns sind die ersten öffentlichen Unmutsbekundungen aus dem Kreis der Nationalmannschaft. Bisher hat niemand gewagt, die Harmonie zu stören, aber jetzt, da ein Ausscheiden nach der Vorrunde möglich ist, müssen einige fürchten, ohne WM-Spiel wieder nach Hause zurückzukehren. Sechs Feldspieler (Baumann, Rehmer, Ricken, Böhme, Asamoah und Kehl) sind überhaupt noch nicht zum Einsatz gekommen, andere wie Bierhoff, Bode und der Leverkusener Oliver Neuville haben sich lediglich minutenweise präsentieren dürfen. Bode sagt, dass er sich nach den Vorbereitungsspielen Hoffnungen auf einen Platz in der Anfangself gemacht habe, und auch Neuville hat „nicht damit gerechnet, nicht zu spielen".

„Es freut uns natürlich, dass sich viele Spieler so gut und so stark fühlen, dass sie spielen wollen“, sagt Michael Skibbe. Angeblich betrachten er und Rudi Völler die Angelegenheit „ganz unaufgeregt“, auch die Einmischung der Boulevardpresse in ihre inneren Angelegenheiten und deren gute Ratschläge in Aufstellungsfragen. „Wie immer bei guten Ratschlägen nehmen wir sie wohlwollend zur Kenntnis und prüfen sie“, sagt Skibbe. „Aber de facto entscheiden Rudi Völler und ich.“

Die Spekulationen gehen weiter.

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