Sport : Boris Becker und die Kraft der Rituale

JÖRG ALLMEROTH

LONDON . Wenn es Mittag wird in Wimbledon, kommt die Becker-Gang. Hält der grüne S-Klasse-Mercedes des alten Tennis-Meisters vor der Tür des "Deutschen Haus" in der Burghley Road 16, dann verziehen sich die anderen Gäste lieber in ihre Zimmer. Die Kreise des eingeschworenen Becker-Teams mit Trainer Mike DePalmer, Schlägerbespanner Uli Kühnel und Physiotherapeut Waldemar Kliesing und des dreimaligen Champions selbst traut sich keiner zu stören. Wie vor anderthalb Jahrzehnten, als Becker mit seinen ersten Siegen den deutschen Tennis-Urknall auslöste, steht beim "Gras-König" (Daily Mail) am Spieltag das immer gleiche Essen auf dem Tisch: Ein gewaltiger Teller Spaghetti und ein Topf Tomatensauce. Hat das "Team Becker" die Pasta intus, geht es herüber, zum nur zwei Steinwürfe entfernten Gelände des All England Clubs, in den heiligen Tennistempel, in Beckers sportliche Geburtsstätte.

Das war am Samstag so, als Becker einen weiteren Frechdachs aus der nächsten Generation besiegte, den 18jährigen Australier Lleyton Hewitt (6:1, 6:4, 7:6). Und das wird auch heute so sein, wenn er sich im Achtelfinale einem der großen Titelkandidaten stellen muß, dem US-Open-Sieger Patrick Rafter. Nur wird Becker die Nudeln erst am frühen Nachmittag einwickeln, weil er erst das dritte Match auf dem Centre Court bestreitet, dem Platz, dem er dankt, daß er "immer noch das Beste aus mir herausbringt". An diesem mystischen Ort in Wimbledon vertraut der abergläubische Becker noch mehr als sonst der Kraft der Rituale. Auch in diesem letzten aller Becker-Jahre in Wimbledon unterliegen jeder Handgriff und jede noch so unwichtig scheinende Handlung, also auch das Mittagessen, eisernen Gesetzen - the same procedure as every year.

Wimbledon ist Wimbledon, ein Ort, der Demut und Achtung auch von einem der ganz Großen verlangt. Der schroffe Gegensatz zwischen Wimbledon, das er für seine Zwecke nutzt, und jenen Schauplätzen des Tennis-Business, die ihn für ihre Interessen benutzt haben, ist unverkennbar. "Ich habe einen Riesenrespekt vor Wimbledon", sagt Becker, "weil es größer ist und bleiben wird als jeder Spieler". Auch deshalb hat er das Unternehmen Wimbledon seit einem halben Jahr generalstabsmäßig geplant. "Seit Monaten lebe ich für diese zwei Wochen", sagt Becker, "mit jeder Faser meines Körpers". Vielleicht ist gerade deshalb von diesem auf der Zielgerade noch einmal alles riskierenden Becker jene Faszination ausgegangen, die alle in den Bann schlägt.

Abgewehrte Matchbälle im Fünf-Satz-Krimi gegen MacLagan, dem Niemand aus dem schottischen Hochland, eiskalte Präzision im deutschen Duell mit Kiefer, souveräne Klasse gegen Himmelsstürmer Hewitt: Becker hat, gebündelt in sechs Tagen, all das gezeigt, was ihn stark und unverwechselbar macht, zum Original. Schließlich gibt in dieser zunehmend gleichförmigen Szenerie kaum noch jene schillernden Darsteller, die Tennis wie Theater inszenieren, mit Abgründen zwischen Triumph und Tragödie.

Der letzte Abstecher nach Wimbledon, der auch eine PR-Tour in eigener Sache gewesen ist, hat sich für den Tennis-Kanzler schon über die Maßen gelohnt. Über die Tage von London hinaus hat Becker wieder Boden unter die Füße bekommen und sich Autorität zurückerobert im Kleinkrieg mit Kritikern an allen Fronten. Einer wie Becker, dem beim 15. Wimbledon-Start fast abgöttische Verehrung und alle Schlagzeilen gehören, kann wieder mit anderer Stimme reden. "Man müßte die Leute beim DTB zum Teufel jagen, wenn sie nicht weiter mit Boris arbeiten", sagt Ion Tiriac, Beckers Ex-Manager.

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