Sport : Boris Beckers Mythos ist vorbei

A.BELLINGER/K.BERGMANN

LONDON . Boris Beckers Wimbledon-Mythos ist Geschichte. Um 13.54 Uhr Ortszeit segelte ein letzter Rückhand-Volley ins Aus, und im 83. Spiel auf dem "Heiligen Rasen" war die zwölfte und letzte Niederlage perfekt. "Es war eine aufregende Reise über 15 Jahre. In dieser Form tat die letzte Niederlage weh, aber Pat war der klar bessere Spieler. Heute war deutlich, daß es Zeit wird aufzuhören", bilanzierte Becker, der nach seinem 926. Match als Profi sogar spontan ganz Schluß machte und den eigentlich in drei Wochen geplanten Abschied von den deutschen Fans beim Sandplatzturnier auf dem Stuttgarter Weißenhof absagte: "Das war heute mein letztes Tennismatch."

Ein kurzer Händedruck am Netz mit dem klaren 6:3, 6:2, 6:3-Sieger Patrick Rafter hatte in London die Abschiedsparty beendet. Becker packte nach dem Matchball seine Sachen, machte mit dem Australier noch einmal artig den Diener vor der königlichen Loge und sagte dann ganz persönlich Good-bye. Die Arme emporgestreckt, applaudierte er seinem Publikum, und sogar die Herzogin von Kent, die ihm 1985, 1986 und 1989 den Siegerpokal überreicht hatte, erhob sich und winkte dem jüngsten Wimbledonsieger aller Zeiten bewegt zu. 13 000 Zuschauer auf dem Centre Court bekämpften ihre Enttäuschung und dankten ein letztes Mal für 15 Jahre Tennisvergnügen, das diesmal schon im Achtelfinale endete.

Zwei quälende Tage mußte Becker auf seinen letzten Auftritt in seinem "Wohnzimmer" warten. "Das Warten und das Training in der Halle haben mich aus dem Rhythmus gebracht", sagte Becker. Obwohl es anfangs nicht so aussah. Wie bei den Dreisatzsiegen gegen Nicolas Kiefer und Lleyton Hewitt glückte ihm ein Traumstart mit dem Break zum 2:1. Aber der US-Open-Sieger Rafter entpuppte sich als ein anderes Kaliber. Mit Mühe hielt Becker sein Service zum 3:1, aber das Drama hatte längst begonnen. Drei seiner insgesamt 13 Doppelfehler unterliefen dem Leimener allein in diesem Spiel. Die Linien verfehlte er oft nur um Haaresbreite. Das Risiko zahlte sich nicht aus, wurde sogar zum Bumerang. Becker litt beim Aufschlag am Tennis-"Yips", wie ein Golfer beim Einlochen. "Ich war nie Herr über meinen Aufschlag", benannte er später sein größtes Problem. Was sich als zäher und leidenschaftlicher Kampf angebahnt hatte, wurde zu einem Selbstläufer für den fünf Jahre jüngeren Rafter. Der "Serve-and-Volley"-Athlet glänzte dabei weniger am Netz als vielmehr von der Grundlinie. Seinen Returns und Passierschlägen blickte Becker nur frustriert hinterher. Vor allem mit der Rückhand punktete der Weltranglisten-Zweite fast nach Belieben und holte sich mit diesem Präzisionsschlag das Rebreak zum 3:3 sowie den vorentscheidenden Vorteil zum 5:3.

Dem Breakball folgten weitere zwölf gewonnene Punkte, die Becker auch im zweiten Satz mit 0:2 gleich wieder in Bedrängnis stürzten. Er haderte mit sich, dem Schiedsrichter und dem magischen Auge, dessen Pfeifen ihm den letzten Nerv raubte. Die aufmunternden Rufe seines Freundes Carl-Uwe Steeb, von Mutter Elvira und Sänger Marius Müller-Westernhagen sowie die stillen Stoßgebete seiner Frau Barbara ließen seinen Kampfgeist noch einmal kurz aufflackern. Ein Rückhand-Return ließ die Kreide an der Grundlinie aufstauben - Becker hatte zum 2:2 gebreakt.

"Immer, wenn ich in Führung gehen wollte, verlor ich meinen Aufschlag", stöhnte Becker. Das Service, das dem 17jährigen vor 14 Jahren weltweit den Beinamen "Bum Bum" eintrug und ihn so oft aus kniffligen Lagen befreite, kam nicht. Rafter machte vier Spiele inm Folge, führte nach Sätzen 2:0. Auch im dritten Durchgang wiederholte sich das Schicksal. Wiederum gelang Becker nach dem Rebreak zum 3:3 kein Spielgewinn mehr. "Es wäre härter gewesen, knapp zu verlieren. Heute war es klar, daß es Zeit wird aufzuhören", sagte er. Um die Krone des Champions kämpfen andere, allen voran Pete Sampras. Der Titelverteidger aus den USA gab beim 6:3, 6:4, 6:2 gegen Daniel Nestor (Kanada) nur neun Spiele ab, trifft nun auf Mark Philippoussis (Australien), der den Briten Greg Rusedski mit 2:6, 7:6 (7:4), 6:3, 6:1 besiegte. Becker-Bezwinger Rafter trifft auf Todd Martin (USA), der Goran Ivanisevic (Kroatien) 7:6 (7:3), 6:3, 6:4 ausschaltete. Andre Agassi (USA) hatte schon am Montag die drittletzte Runde gegen Gustavo Kuerten erreicht.

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