Sport : „Boris hat mich überrollt“

Beckers erster Wimbledonsieg jährt sich heute zum 20. Mal. Sein Finalgegner Kevin Curren erinnert sich

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Boris Becker will den heutigen Tag im Familienkreis feiern. Was machen Sie?

Ach, ihr Deutschen, redet ihr immer noch davon? Neulich hat mir jemand die gleiche Frage gestellt, da habe ich ihn gefragt: Was war denn am 7. Juli?

Am 7. Juli 1985 haben Sie im Wimbledonfinale gegen Boris Becker 3:6, 7:6, 6:7, 4:6 verloren. Es ist ein historischer Tag im Sport, er war der erste deutsche Sieger und mit 17 Jahren auch der jüngste Sieger des Turniers.

Für mich ist das ein enttäuschender Tag, es gibt nichts zu feiern. Ich fühle mich wie ein Hürdenläufer, der an der letzten Hürde gestürzt ist. Ich hatte zuvor Stefan Edberg, John McEnroe und Jimmy Conners geschlagen, ohne einen Satz abzugeben. Deshalb bin ich am letzten Hindernis um so härter gefallen.

Fällt es Ihnen schwer, darüber zu sprechen?

Das Leben ist größer als Tennis. Wimbledon ist ein besonderer Ort für mich und dieses Finale ist trotz der Niederlage das Beste, was ich in meiner Karriere erreicht habe.

Hatten Sie Boris Becker damals unterschätzt?

Eigentlich nicht, er hatte ja zuvor in Queens gewonnen. Aber nach meiner Niederlage hat John McEnroe mich gefragt: Wie konntest du nur gegen diesen 17-Jährigen verlieren? Ich sagte, John, er ist besser, als du denkst. Kurze Zeit später musste er in den USA selber gegen Boris Becker spielen und hat nur mühsam gewonnen. 7:6 im dritten Satz. Danach sagte er mir: Ich weiß jetzt, was du meinst.

Boris Becker sagt, dass es das Schicksal gewollt habe, dass er an diesem Tag in Wimbledon gewinnt. Glauben Sie das auch?

Die Götter waren ihm gewogen. Ich hingegen hätte ein paar Doppelfehler und Netzbälle von ihm gut gebrauchen können. Aber er hat mit einer rücksichtslosen Unbekümmertheit gespielt. Er war wie eine Panzerdivision, er kam mit allem, was er hatte, auf mich zu und hat mich überrollt.

Wie haben Sie sich dabei gefühlt?

Es war brutal, so knapp vor dem Ziel zu scheitern. Ich war 27 Jahre alt, ich wusste, dass ich höchstens noch zwei, drei Gelegenheiten haben werde, ein Grand-Slam-Turnier zu gewinnen. Ich habe nicht locker genug gespielt. Anstatt zu spielen, um zu gewinnen, habe ich gespielt, um nicht zu verlieren. Das ist selbstzerstörerisch.

Haben Sie damit die große Tenniskarriere des Boris Becker erst ermöglicht?

Ich glaube nicht. Boris Becker war ein großartiger Spieler. Er hatte eine Aura, die in jedem Match für ein paar Punkte gut war. Und je größer die Aufgabe wurde, um so besser hat er gespielt. Schon im nächsten Jahr hat er in Wimbledon seinen Titel verteidigt. Ich habe leider 1986 in der zweiten Runde unglücklich verloren, sonst hätte ich in der nächsten Runde wieder gegen ihn antreten können. Ich hätte es toll gefunden, diese Chance zu bekommen.

Wie ist jetzt Ihr Verhältnis zu dem Mann, der Ihren größten Erfolg verhindert hat?

Gut. Ich habe gerade erst mit ihm gesprochen und ihn zu einem Prominenten-Golfturnier eingeladen, das ich in Südafrika organisiere. Ich besitze dort ein Resort mit einem Golfplatz. Boris Becker soll für das deutsche Team spielen, zusammen mit Franz Beckenbauer.

Nach seiner Tenniskarriere hatte Boris Becker finanzielle und private Probleme. Sind sie vielleicht auch etwas froh darüber, dass Sie nicht so bekannt sind wie er?

Ich kann verstehen, wenn man nach großen Erfolgen im Sport Schwierigkeiten hat, die Füße auf den Boden zu bekommen. Aber Tennis ist nur ein kleiner Teil des Lebens, und am Ende sind wir alle nur Menschen. Selbst wenn du Boris Becker heißt, musst du morgens in die Unterhose steigen. Ich möchte aber nicht falsch verstanden werden. Boris Becker ist ein großartiger Botschafter für den Tennissport.

Hat Ihre Niederlage auch etwas Positives bewirkt?

Ich habe danach immer geglaubt, dass ich zurückkommen und das Turnier in Wimbledon gewinnen kann. Allerdings habe ich mir damit auch großen Druck gemacht.

Vielleicht tröstet Sie jetzt, dass Sie am Sonntag mit Johan Kriek in Wimbledon in der Klasse der Über-45-Jährigen gewonnen haben?

Ich habe auch zuvor in Wimbledon ein Finale gewonnen. Im Mixed.

Das Gespräch führte Benedikt Voigt

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