Sport : Borussia Dortmund - Bayern München: Wie Pavarotti beim Musikantenstadel

Hartmut Scherzer

Der Meistertrainer erteilte seinem einstigen Musterschüler eine Lektion. Es war eine schmerzliche. Ottmar Hitzfeld zeigte Matthias Sammer, wie man mit einfachen Mitteln - kompakt stehen, konzentriert agieren, kollektiv arbeiten, kühl kontern - ein "magisches Viereck" (Stadionzeitung), Ricken, Amoroso, Koller, Rosicky, entzaubert. So wie die beiden Strategen das Spitzenspiel nach dem 2:0-Sieg des FC Bayern München bei Borussia Dortmund analysierten, waren sich Lehrer und Schüler im Geiste eigentlich einig: "Fußball einfach spielen" (Hitzfeld) war bei diesem Spitzenspiel angebracht.

Doch anders als die Bayern mochten die Borussen der Vorstellung ihres Trainers nicht folgen. "Wir haben alles verkompliziert", klagte Matthias Sammer. "Einfacher wäre sinnvoller gewesen." Aber einen Rosicky oder einen Amoroso zur Schlichtheit des Spiels zu vergattern, scheint so schwierig, wie einen Pavarotti oder einen Domingo auf den Musikantenstadel einzustimmen. "Aus jeder Situation heraus haben sie versucht, den tödlichen Pass zu spielen, das goldene Ei zu legen", zürnte Sammer.

Der Dortmunder Trainer musste sich "ein bisschen zusammenreißen", als er auf die Entstehung der beiden Münchner Tore durch Hasan Salihamidzic und Roque Santa Cruz zu sprechen kam. Obwohl die Fehlpässe von Rosicky und Amoroso in der Münchner Hälfte noch mehrfach hätten ausgebügelt werden können, kreidete Sammer diesen individuellen Fehlern seiner Individualisten beide Gegentreffer an. "Das war schon ein dickes Ding".

Zum Thema Bundesliga aktuell: Ergebnisse und Tabellen
Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Borussia Dortmund machte nach vier Siegen ohne Gegentor die bittere Erfahrung, "dass die Bäume nun einmal nicht in den Himmel wachsen", wie sich der ewige Mahner Sammer nach "all der Lobhudelei" leider bestätigt fand. Denn: Nach dem 1. FC Nürnberg, Hertha BSC, VfL Wolfsburg und Hansa Rostock bekamen die westfälischen Traumstarter "mal einen richtigen Gegner und haben deswegen auch verloren", wie Bayerns überragender Mittelfeldspieler Thorsten Fink hämisch bemerkte.

Immer wenn es gilt, zeigen die Bayern, wer die Besten im Lande sind. Nach einem schleppenden Start habe seine Mannschaft "den Ernst der Situation erkannt und umgesetzt", lobte Ottmar Hitzfeld. Seine "anders gewählte Formation" und die ausgeklügelte Taktik, eine Viererkette und ein Dreierblock davor im zentralen Mittelfeld, legten das gefürchtete Angriffsspiel der Dortmunder lahm und ließen allenfalls "halbe Torchancen" (Sammer) zu.

Hitzfelds Konzept ging voll auf: "Man muss sich auf die Stärken des Gegners einstellen und versuchen, ihn nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. Dazu braucht man aber sehr laufstarke Spieler und auch Stürmer, die viel Laufarbeit verrichten, Bälle halten und einfach Fußball spielen können." Typen wie Thorsten Fink, Carsten Jancker und auch Roque Santa Cruz. Geduldig und gelassen, cool und clever, selbstbewusst und souverän trat die Mannschaft auch ohne die verletzten Stammspieler Stefan Effenberg, Mehmet Scholl und Jens Jeremies, ohne die reisemüden und eher lauffaulen Giovane Elber und Claudio Pizarro, ohne Pablo Thiam und Robert Kovac gegen den Tabellenführer auf. Seit sechs Jahren, seit Oktober 1995, hat Borussia Dortmund den FC Bayern München nicht mehr besiegt.

Für die Bayern und die Borussia beginnt in der kommenden Woche die Champions League, für den Titelverteidiger in Rotterdam, für den Qualifikanten in Kiew. Der Meister freut sich auf den Samstag-Dienstag-Mittwoch-Rhythmus. Für die Münchner Spätstarter geht die Saison "erst richtig los" (Kahn). Jetzt kommen die Bayern auf Touren und können rotieren. Da hat es Matthias Sammer schwerer als Ottmar Hitzfeld. Der Dortmunder Trainer hat zwar ein magisches Viereck, aber keinen allzu üppig besetzten Kader.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben