Sport : Borussia Dortmund: Der Dino mit der Seele eines Lamms

Felix Meininghaus

Wenn Wolfgang Jung, dpa-Korrespondent in Prag, über die Vorzüge der Fußballer aus seiner Wahlheimat referiert, fallen ihm schöne Beschreibungen ein. Über Tomas Rosicky hat der Mann einmal gesagt, "wegen solcher Spieler ist der Fußball erfunden worden". Wenn Jung Rosickys tschechischen Landsmann Jan Koller beschreibt, sagt er, es werde "dunkel, wenn der Junge über den Hof geht, so groß und so mächtig ist er". Tatsächlich fällt an Jan Koller erst einmal seine hünenhafte Gestalt auf. 2,02 Meter misst der Stürmer, wiegt 103 Kilo und trägt Schuhe mit der Größe 50. Koller ist von der Physis her der imposanteste Fußballer der Welt.

Auch sonst hat der 28-Jährige im Statistikteil seiner Bewerbungsunterlagen einiges zu bieten. Zum Beispiel jede Menge Tore. 22 hat er in der abgelaufenen Spielzeit für den Belgischen Meister RSC Anderlecht erzielt, in seinen 26 Länderspielen für Tschechien traf er 15-mal. Genau deshalb hat Borussia Dortmund Koller nun verpflichtet. BVB-Sportmanager Michael Zorc bezeichnet den Stürmer als "einen erklärten Wunschspieler von uns".

Mit dem Engagement des Stürmerriesen investiert der Bundesliga-Dritte weiter in tschechische Beine. Geschätzte 25 Millionen Mark war den Dortmundern in der Winterpause die Unterschrift des Supertechnikers Rosicky wert. Der Vertragsabschluss mit Koller kostete den Klub rund 21 Millionen Mark. Eine Menge Geld für einen Mann, dem sie einst nahe legten, es doch lieber bei den Basketballern zu versuchen. Koller hatte es schwer, sich zu behaupten, als er von seinem Stammverein Smethanova Lhota in der südböhmischen Provinz in die Hauptstadt Prag geholt wurde. Koller kam meist in der Reservemannschaft zum Einsatz, und wenn er doch mal neben dem heutigen Kaiserslauterner Vratislav Lokvenc (1,97 Meter) angreifen durfte, sprachen Beobachter spöttisch vom "Sturm der Giraffen". Koller wurde mit Sparta zwar Meister und Pokalsieger, doch Durchbruch und Anerkennung blieben ihm versagt. Was blieb, ist ein weiterer Spitzname: "Dino".

Der RSC Anderlecht holte ihn 1999 für sechs Millionen Mark zu sich. 43 Tore in zwei Spielzeiten, zwei Meisterschaften mit Anderlecht und die Wahl zu Belgiens Fußballer des Jahres 2000. Bei der Europameisterschaft 2000 spielte er gegen Holland und Frankreich überragend. Johann Cruyff soll hin und weg gewesen sein von diesem Spieler, der nicht nur seine enorme Kopfballstärke, sondern für einen Mann seiner Größe auch verblüffende technische Fähigkeiten ins Spiel einbrachte und den Ball zudem mit seiner großen Reichweite auch noch äußerst effektiv abschirmen konnte. Seit dem Weggang ihres Helden Stéphane Chapuisat haben sie im Westfalenstadion nie mehr richtig viel Spaß an ihren Stürmern gehabt. Dortmunds bester Saisonschütze Fredi Bobic rangiert mit zehn Toren auf Rang 15 der Bundesliga-Torjägerliste. Die Suche nach einem neuen Heilsbringer im Sturmzentrum schien im April ausweglos. Der FC Fulham, Aufsteiger in die englische Premier League, war sich mit Anderlecht handelseinig. Doch die Möglichkeit, in der Champions League mitspielen zu können und die Nähe zu Landsmann Rosicky bewogen Koller, beim BVB einen Vertrag bis 2005 zu unterzeichnen.

Doch der Kaufrausch der Dortmunder ist nicht ganz frei von Problemen. Vor wenigen Tagen veräußerte der Verein die Transferrechte des 25 Jahre alten Brasilianers Evanilson und schloss im Gegenzug mit dessen Landsmann und Stürmer Marcio Amoroso dos Santos vom AC Parma einen Vierjahresvertrag. Damit ist der Angriff (Koller, Amoroso, Bobic, Reina, Addo, Herrlich, Sörensen, Ikpeba) nominell überbesetzt. Dortmunds Trainer Matthias Sammer sei jedoch glücklich, "mit Koller einen weiteren Klassestürmer im Kader zu haben". Koller mochte der Verpflichtung Amorosos positive Seiten abgewinnen: "Dass er zu einem Wechsel nach Dortmund bereit war, spricht für die Qualität der Borussia."

Was Sammer, der viel Wert auf bescheidenes Auftreten und korrekte Umgangsformen legt, besonders erfreuen wird, ist Kollers tadelloser Leumund. Er gilt als Riese mit der Seele eines Lamms: still, bodenständig und ohne Allüren. Als er gefragt wurde, wie er seinen neuen Vertrag zu feiern gedenke, hat Koller geantwortet: "Ich gehe mit den Jungs aus meinem Dorf in die Kneipe und gebe ihnen ein paar Biere aus."

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