Sport : Borussia Dortmund: Der neue Trainer

Michael Rosentritt

Schmerzen gehören für ihn zur schönsten Sache der Welt. Nur mag er nicht darüber sprechen. Braucht er auch nicht. Die Nation sieht sich satt an den Bildern, die Matthias Sammer so richtig berühmt machen. Die Kameras mit moderner "Slomo"-Technik sind dabei, als ihm damals am Spielfeldrand eine blutende Wunde oberhalb seiner rechten Augenbraue mit Stahlklammern getackert wird. Blutverschmiert zieht es den Feuerkopf wieder auf das Grün. Sammer spielt durch.

Damals noch ist Borussia Dortmund eine Macht, eine Mannschaft von Menschen, die - wenn es sein muss - malochen kann. Mit Sammer wird Dortmund zwei Mal Deutscher Meister und Champions-League-Sieger. Im Herbst 1997 endet schließlich die sportliche Karriere des Europameisters und "Europas Fußballer des Jahres 1996". Denn spielen wird der Sachse nie mehr in Schwarz-Gelb. BVB-Präsident Gerd Niebaum wird später einmal sagen: "Unsere Probleme in der Bundesliga sind nur auf eine Ursache zurückzuführen: Und die heißt Matthias Sammer."

Jetzt also soll der 32-Jährige als Trainer das zittrige Gebilde aus millionenverdienenden Stars ligareif machen. Ende Mai des Jahres unterschreibt Sammer einen bis zum 30. Juni 2002 datierten Vertrag. "Jetzt haben wir ihn nicht unbedingt mit den Beinen, aber mit Kopf und Herz zurück. Er wird der Borussia gut tun", kommentiert Niebaum Sammers Signatur.

Für Sammer endet eine jahrelange Zeit des Leidens und des Wartens. Sechs operative Eingriffe können sein linkes Knie nicht mehr gelenkig machen. Die Knorpelsubstanz ist stark reduziert. Bei einer Arthroskopie gelangen Bakterien ins Knie, die unbeherrschbare Entzündungen nach sich ziehen. Eine Vielzahl von Medikamenten ruinieren schließlich sein Immunsystem. Ende 1997 landet Sammer in der Regensburger Schmerzklinik. Und die Hoffung auf eine Teilnahme des letzten erkennbaren Chefs der Nationalmannschaft an der WM 1998 sinkt. Im vergangenen Jahr wird der Libero, der in Dortmund Millionen verdient, von der Gehaltsliste gestrichen. 320 Mark überweist ihm die Berufsgenossenschaft täglich.

An einen Kunstfehler habe er nie gedacht, ebenso wenig an Schadenersatz. Er hat fast zwei Jahre nicht über seine Verletzungen und Schmerzen gesprochen. Immer wenn Norbert Pflippen, Sammers Berater, der seit Jahren an den Ohren leidet, ihn fragte, wie es denn seinem Knie gehe, erwiderte Sammer nur: Was machen deine Ohren?

Sammer ist nach Michael Skibbe, Bernd Krauss und Udo Lattek der vierte Trainer Borussias innerhalb von nur 115 Tagen. Nach den drei Wechseln "wollen wir nun in ruhiges Fahrwasser und zur Kontinuität zurückkehren", sagt Niebaum. In der Zwischenzeit absolviert Sammer die Trainerprüfung beim Lehrgang für verdienstvolle Nationalspieler erfolgreich und lehnt mal eben ein Angebot beim künftigen Zweitligisten MSV Duisburg ab. "Ich setze mir keine Saisonziele", sagt Sammer zum Start in das neue Berufsleben, "ich möchte eine Mannschaft präsentieren, die charakterlich stark ist und auch bei negativen Erlebnissen nicht auseinanderbricht."

Gute Einzelspieler seien da, aber keine Mannschaft. Als fast schon untrainierbar hatte sich Borussia eine Saison lang dargestellt, nachdem 50 Millionen Mark für Neueinkäufe ausgegeben worden waren. Eine Sonderbehandlung für Spieler, mit denen Sammer noch selbst zusammenspielte, wird es nicht geben. "Ich werde versuchen, Freund zu sein, Partner zu sein, und wenn das nicht geht, werde ich anders auftreten", sagt Sammer.

Sammer ist der Gerechtigkeitsfanatiker geblieben, der er immer schon war. Als Spieler legte er sich nie mit Leuten an, von denen er wusste, dass da nicht viel herauszuholen ist. Er griff sich lieber einen wie Andreas Möller. Aufkommende Lethargie erstickte Sammer im Keim. Vor allem benutze er das Mittel der Sprache, um Anweisungen zu geben, um aufzumuntern, um anzutreiben. Seine Anerkennung innerhalb der Gruppe von Stars hatte sich Sammer über Widerstände hinweg hart erkämpft. Möller ist nun nicht mehr da. Und Sammer weint ihm keine Träne nach. "Wenn wir uns dreimal um die eigene Achse gedreht und einen Kopfstand dazu gemacht hätten, wäre sein Transfer nach Schalke nicht zustande gekommen", sagt Sammer.

Sammer hat begonnen, sein Team zu entrümpeln, zu sanieren und zu therapieren. Allein seine Erscheinung kann etwas auslösen, weil ihm die Spieler glauben, was er verkörpert. Der unbequeme Geist in ihm lodert wie eh und jeh. Und Narben machen einen Mann nur noch interessanter.

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