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Borussia Dortmund - FC Schalke 04 : Warum viele Gäste-Fans das Revierderby boykottieren

Mehr als 100 Schalker Fanklubs haben sich für das Revierderby einem Boykottaufruf angeschlossen – es wächst die Sorge vor leeren Gäste-Fanblocks.

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Blau-Grün-Gelb. Polizisten trennen Schalker und BVB-Fans beim Derby 2013. 
Blau-Grün-Gelb. Polizisten trennen Schalker und BVB-Fans beim Derby 2013. Foto: picture alliance / dpa

Ernst Ermert, 68 Jahre alt, fährt seit 60 Jahren „auf Schalke“, wie er sagt. Seit zehn Jahren hat er kein Derby bei Borussia Dortmund verpasst. Bis jetzt. Der Vorsitzende der „Blau-Weiße Herzen Banfe e.V.“ boykottiert mit seinem Fanklub wie viele Schalke-Anhänger das Spitzenspiel am Sonntag (15.30 Uhr/Sky). Sie protestieren gegen die strengen Sicherheitsauflagen, seit es vor einem Monat hieß, statt der bisher üblichen 8000 Eintrittskarten gebe es nur 4000 Tickets für Gästefans, die zudem zur Anreise mit dem Bus verpflichtet seien. „Da vergeht einem der Spaß am Derby“, sagt Ermert. 175 Kilometer fahre sein Fanklub mit dem Bus aus dem Siegerland bis nach Dortmund. Die erzwungene An- und Abreise über Gelsenkirchen wäre ein Umweg von gut 80 Kilometern. Also verzichteten die „Blau-Weißen Herzen Banfe“ diesmal darauf, Karten zu bestellen.

Über 100 Schalker Fanklubs folgen dem Boykott-Aufruf der Ultras Gelsenkirchen, die das Spiel an der Schalker Arena verfolgen wollen. 3500 Fans besuchten dafür am Samstag das Abschlusstraining, Bengalos abbrennend. Der Kompromiss – 6000 Gästetickets und keine vorgeschriebene Anreise – stellte sie ebenso wenig zufrieden wie die Polizei, die personalisierte Tickets gefordert hatte. Dabei waren die letzten Derbys weitgehend friedlich geblieben, doch Zusammenstöße zwischen beiden Fanlagern gibt es regelmäßig.

Ermert hat sogar Verständnis für die Polizisten. „Was die an Wochenenden oft erleben, ist erschreckend“, die Beamten würden es jedoch auch bisweilen übertreiben. Neulich hätten Polizisten seinen Sohn beleidigt, als er um Einlass ins Stadion gebeten hatte. Gleichzeitig kennt er aber auch die Zustände in den Regionalbahnen und an den Raststätten, weiß von Fans aus der Nachbarschaft, die schon zusammengeschlagen wurden.

Mittlerweile bleiben viele Auswärts-Fans freiwillig fern

„Die Lösung suchen wir doch alle“, sagt Ermert, „es ist ein langer Prozess, die wilde Horde aus dem Stadion fernzuhalten.“ Ermert ist pensionierter Sozialpädagoge, er leitete ein Heim für schwer Erziehbare, er kennt die Problematik. Sein 200 Mitglieder starker Fanklub nimmt oft Kinder und Behinderte mit ins Stadion, das scheint jedoch zunehmend riskanter.

In der Bundesliga sind zehn Prozent der Karten für Gästefans vorgesehen, doch bei Risikospielen sinkt die Quote. Mittlerweile bleiben viele Fans freiwillig fern. Am fünften Spieltag boykottierten Gladbacher Anhänger aus Protest das Derby beim 1. FC Köln. Gleichzeitig fürchten die Fans leere Gästekurven, wie es sie zuletzt beim Drittliga-Derby Preußen Münster gegen VfL Osnabrück gab. Schalke-Manager Horst Heldt bedauert den Derby-Boykott, äußerte aber Verständnis und warnte vor englischen oder spanischen Verhältnissen, ganz ohne Gästefans. Auch Ermert schwärmt von früheren Auswärtsfahrten und sorgt sich, die Stimmung am Sonntag könnte nicht dieselbe sein. Er hofft jedoch, nächstes Jahr wieder dabei zu sein beim Derby. Am Sonntag verfolgt er das Spiel auf dem Dorfsportplatz, mit seinen vier Kindern, alle Schalke-Fans, und mit seinem Schwiegersohn, einem BVB-Fan. „Es wird gefrotzelt, bleibt aber friedlich“, sagt Ermert. Das sollte doch auch im Stadion möglich sein.

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