• Borussia Dortmunds Trainer Bernd Krauss über pfeifende Fans und verunsicherte Profis

Sport : Borussia Dortmunds Trainer Bernd Krauss über pfeifende Fans und verunsicherte Profis

Herr Krauss[nach Ihrem ersten Heimspiel mit Borus]

Bernd Krauss (42) ist seit drei Wochen Trainer bei Borussia Dortmund und bringt für diesen Job eine besondere Qualifikation mit: Er ist Dortmunder. Zuvor arbeitete er als Trainer in Mönchengladbach und San Sebastian. Andreas Kötter sprach mit Bernd Krauss.

Herr Krauss, nach Ihrem ersten Heimspiel mit Borussia Dortmund vor zwei Wochen haben Sie sich sehr geärgert. Allerdings nicht über die schwache Leistung beim 1:1 gegen Ulm, sondern über Ihre Fans ...

Das Thema ist vom Tisch. Ich war damals sehr enttäuscht, ja sogar schockiert über diese Reaktion. So kannte ich dieses Publikum nicht. Wenn ich hier früher mit Mönchengladbach antreten musste, standen die Fans wie eine Mauer hinter ihrer Mannschaft. Jetzt aber haben sie den Gegner gefeiert. So etwas habe ich noch in keinem Stadion der Welt erlebt.

Muss man aber nicht Verständnis haben für diese Fans? Die sehnen sich nach einem Wir-Gefühl und haben in den letzten Wochen und Monaten doch den Eindruck gewonnen, dass die Spieler auf dem Rasen längst nichts mehr mit ihnen gemein haben.

Es hat sich hier zweifelsohne etwas aufgestaut in den letzten zwei, drei Jahren. Das war mir klar, aber ich habe dennoch erwartet, dass man dem neuen Trainer einen gewissen Bonus entgegenbringt und schon deshalb die eigene Mannschaft unterstützt. Das Gegenteil war aber von Anfang an der Fall, ich konnte schon vor dem Spiel eine Spannung feststellen. Als die Mannschaft nach außen hin Geschlossenheit demonstrieren wollte, wurde sie dafür ausgelacht. Dafür habe ich kein Verständnis.

Auch nicht, wenn Sie die enormen Differenzen bei den Einkommen bedenken? Manch einer der Fans auf der Südtribüne muss mit 3500 Mark brutto im Monat eine Familie durchbringen. Der Fuhrpark der Borussenspieler aber dürfte gut und gerne ein paar Millionen wert sein.

Der Durchschnitts-Spanier verdient weniger als der Deutsche, ist aber trotzdem stolz, dass "sein" Verein sich teure Spieler leistet. Im Übrigen gebe ich Ihnen schriftlich: Wenn Sie sich zu allen 18 Bundesligisten auf den Hof begeben, wird der Wagenpark der Spieler überall nahezu identisch sein. Hier wird doch überall Neid geschürt, in den Zeitungen steht nichts anderes mehr als die Ablösesummen und die Gehälter der Spieler. Daran muß ich mich erst mal wieder gewöhnen, das kenne ich aus Spanien nicht.

Wie wollen Sie den Fans das Vertrauen in die Borussia wiedergeben?

Wissen Sie, wenn wir wieder guten Fußball zeigen, ist den Fans auch egal, ob die Spieler BMW oder einen Fiat fahren.

Jupp Heynckes gibt Ihnen hier Recht und sagt, dass die Mannschaft nicht zu wenig, sondern eher zu viel läuft, dabei aber kopflos agiert.

Das ist mir natürlich auch aufgefallen, die Spieler sind häufig noch übermotiviert. Ich bin dabei, das abzustellen. Wäre in Dortmund alles in Ordnung mit der Mannschaft, dann hätte es wohl kaum einen Trainerwechsel gegeben.

Günter Netzer jedenfalls hat von mangelnder Qualität gesprochen, wenn die Spieler dem Druck durch die Fans nicht gewachsen sind. Ist der Kader, für dessen Zusammensetzung Sie nichts können, von mangelnder Qualität?

Manch einer muss sicherlich noch lernen, mit diesem Druck umzugehen. Spieler, die nach Dortmund kommen, müssen erst lernen, mit dem Anspruchsdenken, das hier herrscht, zurechtzukommen. Wahrscheinlich konnte das aber auch ein Günter Netzer nicht von jetzt auf gleich. Da muss doch ein Reifeprozess zugrunde liegen.

Lautet Ihr Ziel nach wie vor Einzug in die Champions League?

Dieses Ziel müssen wir haben. Noch ist nichts verloren. Wir liegen gerade mal drei Punkte hinter dem vierten Platz.

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