Borussia Mönchengladbach : Die Entdeckung des Verlierer-Gens

Nach nicht einmal der Hälfte der Spielzeit haben die Borussen ihr Saisonziel bereits verpasst. Wäre die Borussia ein Mensch aus Fleisch und Blut, müsste man ihr den Besuch eines Psychiaters empfehlen.

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Hängende Köpfe bei den Spielern von Borussia Mönchengladbach
Hängende Köpfe bei den Spielern von Borussia MönchengladbachFoto: dpa

Es gab Zeiten, da hat sich Borussia Mönchengladbach noch nicht alles gefallen lassen. Das ist jetzt knapp 60 Jahre her. In der Oberliga-Saison 1952/ 53 zog sich ein Reporter des Nordwestdeutschen Rundfunks den Ärger der Gladbacher zu, weil er sich erdreistet hatte, deren Mannschaft schon am 13. Spieltag als Abstiegskandidat zu bezeichnen. Die Borussen empfanden ein solches Urteil als voreilig und kündigten deshalb „geeignete Schritte“ gegen den NWDR an. Dabei lag der Klub zu diesem Zeitpunkt seit Wochen auf dem letzten Tabellenplatz.

Die Zeiten haben sich ein bisschen gewandelt, man könnte auch sagen: Sie haben sich erheblich beschleunigt. Aber nicht nur deshalb muss heute niemand mehr Konsequenzen fürchten, der die Gladbacher als Abstiegskandidat bezeichnet. Wen denn sonst? Der Klub ist nach dem 15. Spieltag mit zehn Punkten Tabellenletzter – und das völlig zu Recht. Erst zwei Mal haben die Gladbacher in dieser Saison gewonnen. Vor einem Jahr noch wurden sie als Auswärtsdeppen verspottet; jetzt dürfen sie sich als Heimtrottel fühlen – weil sie als einziger Bundesligist vor eigenem Publikum noch ohne Sieg sind. Am Samstag (gegen Hannover) haben die Borussen bereits ihr fünftes Heimspiel verloren und dabei die Gegentore Nummer 41 und 42 kassiert. Auch das ein Alleinstellungsmerkmal der Gladbacher.

Nach nicht einmal der Hälfte der Spielzeit haben die Borussen ihr Saisonziel bereits verpasst. Sie wollten das Wort Abstiegskampf endlich nicht mehr in den Mund nehmen müssen; derzeit aber sprudelt es nur so aus ihnen heraus: Abstiegskampf, Abstiegskampf, Abstiegskampf.

Was nutzt es da, dass die Verantwortlichen der Borussia, Trainer Michael Frontzeck und Sportdirektor Max Eberl, auf „objektive Gründe“ für den Absturz verweisen können? Es stimmt sogar: Kein Bundesligist hatte in dieser Saison ärger mit Verletzungen zu kämpfen, hinzu kamen, zumindest am Anfang, ein paar fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen. Und trotzdem: Normal ist das alles nicht.

Wäre die Borussia ein Mensch aus Fleisch und Blut, müsste man ihr den Besuch eines Psychiaters empfehlen. Wenn die Bayern das Sieger-Gen haben, dann ist dem genetischen Code der Gladbacher der Hang zum Verlieren eingeschrieben. Der Klub besitzt die Neigung, sich selbst das Leben schwer zu machen. Was schief laufen kann, läuft schief. Garantiert. Die Fans haben ja schon Angst, ihre Mannschaft könnte in Führung gehen – weil sie wissen, dass ihr Leiden dadurch nur noch potenziert wird: Gegen Schalke (2:2 nach 2:0), Hoffenheim (2:3 nach 1:0), Bayern (3:3 nach 1:0 und 3:2), Mainz (2:3 nach 1:0 und 2:1) und Dortmund (1:4 nach 1:0) lag die Borussia vorn, nie reichte es zum Sieg. Gegen Hannover auch nicht – weil Raul Bobadilla kurz vor der Pause meinte, seinen Gegner in einem Akt der Selbstjustiz körperlich züchtigen zu müssen. Es folgte der fünfte Platzverweis dieser Saison, der zweite für eine Tätlichkeit.

Man kann hinter all dem natürlich böse Mächte des Schicksals am Werk wähnen. Man kann aber auch versuchen, den Widrigkeiten mit Macht zu trotzen. So wie 1952/53, als die Borussen am Ende noch den Klassenerhalt schafften.

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