Borussia Mönchengladbach : Favre wieder wie die SPD

Mönchengladbachs Trainer Lucien Favre plant den unverhofften Aufschwung des Abstiegskandidaten.

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Fehler, Fehler, Fehler, und immer an die Tore denken. Lucien Favre arbeitet auch in Gladbach leidenschaftlich.
Fehler, Fehler, Fehler, und immer an die Tore denken. Lucien Favre arbeitet auch in Gladbach leidenschaftlich.Foto: dpa

Wie immer ist Lucien Favre auf dem Sprung. Das Spiel ist vorbei, aber die Arbeit geht weiter. Der Video-Coach wartet, „er muss der Mannschaft eine DVD zusammenstellen, höchstens zehn Minuten“, Höhe- und Tiefpunkte vom 2:1-Sieg Borussia Mönchengladbachs über den FC Schalke 04. Ein paar Bekannte aus Berlin wollen begrüßt werden. Und dann ist da noch seine Frau, sie ist am Wochenende aus Saint-Barthélemy angereist. Zur moralischen Unterstützung und mit einem Koffer frischer Wäsche, „ich hab ja nichts anderes mit als eine Jeans und das hier“, sagt Favre und zupft am neuen Klubanzug mit der schwarz-weißen Borussia-Raute.

Mönchengladbach blickt zurück auf turbulente Wochen mit vielen Niederlagen und noch mehr Gegentoren. Hinter dem Fußballlehrer Favre liegen Monate der Langeweile. Angebote aus der Schweiz und Arabien, aus den USA und Afrika interessierten ihn nicht. „Wenn du einmal in der Bundesliga gearbeitet hast, dann willst du es wieder tun.“

Immer noch auf dem letzten Platz. Aber mit neuem Mut

Am Sonntag hat Favre sich zurückgemeldet. 73 Wochen nach dem 1:5 mit Hertha BSC gegen die TSG Hoffenheim, in dessen Folge er seinen Job verlor. Auch dieser 27. September 2009 war ein Sonntag, Frank-Walter Steinmeier erlitt bei den Bundestagswahlen eine ähnlich grandiose Niederlage und der Tagesspiegel ernannte Hertha nach dem Debakel von Hoffenheim zur SPD der Bundesliga.

Jetzt sind sie wieder da. Die SPD, zumindest in Hamburg. Favre, obwohl immer noch Tabellenletzter mit Gladbach, aber mit neuem Mut und Perspektive nach oben. Auch Hertha müht sich nach der Zwangsversetzung im vergangenen Frühling Erfolg versprechend um einen Abschied aus der Zweiten Liga. Favre sagt, er wünsche dem früheren Arbeitgeber alles Gute, „ich werde diese Zeit nie vergessen“, und natürlich hoffe er auf ein Wiedersehen mit Berlin. Dieses Mal als Gegner, und natürlich in der Ersten Liga.

Der Sieg vom Sonntag war ein erster Schritt. Favre hat sich gefreut über das zeitweise schön anzuschauende Spiel seiner Mannschaft, über perfekt ausgebildete Spieler wie Marco Reus, Patrik Herrmann oder Havard Nordtveit, über die frisch motivierten Stars Juan Arango und Mohamadou Idrissou. In Mönchengladbach verfügt er über mehr Qualität als früher in Berlin. Ihm ist aber auch nicht die hohe Fehlerzahl entgangen und der leidenschaftslose Auftritt des Gegners. „Wir dürfen nicht vergessen, dass Schalke am Dienstag in Valencia eine Top-Leistung gezeigt hat“, sagt Favre. „Das hat viel Energie gekostet.“

Das Spiel am kommenden Freitag wird für Favre ein besonderes

Das Mönchengladbacher Publikum denkt immer noch in den Kategorien der erfolgreichen Siebzigerjahre und entsprechend streng ahndet es jeden Fehlpass, jede vergebene Torchance, jeden Anflug von Passivität. Komplimente werden hier nicht einfach dahingesagt. Es hat schon etwas zu bedeuten, wenn der Gladbacher Chefkritiker Stefan Effenberg urteilt: „Die Mannschaft hat wieder ordentlich gespielt und kompakt hinten gestanden.“

Am Montag steht Favre schon wieder auf dem Trainingsplatz und leitet das Auslaufen an. Es ist deutlich schärfer als früher in Berlin, „denn wir haben noch viel zu tun, da brauchen wir jede Einheit“. Schon am Freitag steht in Wolfsburg das nächste Spiel an. Für Favre ein besonderes Spiel.

Als diese Wolfsburger Krise noch eine Mini-Krise war, hätte es Favre beinahe ins Volkswagen-Stadion verschlagen. Dieter Hoeneß, früher Favres Vorgesetzter in Berlin und jetzt als Wolfsburger Manager in großer Not, ließ ihn im VW-eigenen Flugzeug von Zürich nach Braunschweig einfliegen. Lange debattierten die beiden über ein mögliches Engagement. Hoeneß wollte einen Übergangstrainer bis zum Saisonende, Favre einen längerfristigen Vertrag. Sie gingen auseinander und trafen sich nicht wieder. Angeblich haben die Wolfsburger nicht einmal abgesagt.

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