Bosnien : Völkerball

In Bosnien findet bereits eine Europameisterschaft statt – im Straßenfußball. Die Regeln werden vor jedem Spiel von den Mannschaften ausgehandelt.

Katrin Schulze[Foca]
Straßenfußball
Finten für Toleranz. In den bosnischen Bergen geht es vor allem um Teamgeist und Spaß am Fußball. -Foto: promo

Bevor der Ball rollen kann, müssen sich die Mannschaften einigen. Am Fuße der dicht bewachsenen Berge, neben dem reißenden Fluss, haben 16 Spieler einen kleinen Kreis gebildet und verhandeln darüber, was erlaubt ist und was nicht. Dann steht fest: Der Torwart darf den Ball auf dem kleinen Hartplatz nicht über die Mittellinie werfen und Tore von Mädchen zählen keineswegs doppelt. Darauf verständigen sich die Teams in einer Mischung aus Englisch und überschwänglicher Gestik. So ist das nun mal, wenn Deutschland auf Irland trifft. Im Straßenfußball. Und eigentlich spielt auch nicht Deutschland gegen Irland, sondern ein deutsch-polnisches Team aus Potsdam und Poznan gegen die Mannschaft „Sport against racism“ aus Dublin.

Anlass der Verhandlungen über die Spielregeln ist das erste European Street Football Festival, eine kleine Fußball-EM sozusagen. 24 Teams aus 15 Ländern sind in dem Örtchen Foca, 70 Kilometer entfernt von Sarajevo, der Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas, zusammengekommen, um gegeneinander zu anzutreten. Darunter auch die Mannschaft „Straßenfußball für Toleranz“ aus Potsdam und Poznan. „Unser Ziel ist die Selbstorganisation und selbstständige Konfliktlösung“, sagt Uwe Koch, Koordinator des Teams. Deshalb auch die intensive Besprechung.

Da beim Straßenfußball ohne Schiedsrichter gespielt wird, verhandeln die Gegner vor jedem Spiel die Regeln. Dass die deutsch-polnische Mannschaft darauf verzichtet, Treffer von Mädchen doppelt zu werten, ist ihr Glück: Ihr Torwart muss sich gleich zu Beginn der zehn Minuten langen Begegnung von einer flinken Irin tunneln lassen und erntet dafür den Spott seiner Kollegen.

Die Kollegen schicken den eigenen Mann vom Platz

Dass sie selbst einmal bei einem großen Klub spielen werden, glauben die meisten der 14 bis 18 Jahre alten Spieler allerdings nicht. „Es geht hier vor allem um den Spaß und um den Teamgedanken“, sagt auch Carsten Ramelow, der das Turnier in Foca besucht. „Klar kommt es schon mal vor, dass einer gesichtet wird, aber das ist die Ausnahme.“ Der ehemalige Profi von Bayer Leverkusen ist in Berlin mit Straßenfußball groß geworden, bevor er im Alter von 19 Jahren als Amateur zu Hertha BSC kam. „Auf dem Bolzplatz geht es nicht um Konkurrenzkampf, sondern darum, sich in einer Mannschaft unterzuordnen“, sagt Ramelow.

So manchem fällt das offenbar nicht leicht. Als sich ein Spieler der deutsch-polnischen Mannschaft egoistisch verhält, schicken ihn seine Kollegen vom Feld – auch die Auswechslungen regeln die Spieler unter sich.

Die Straßenfußballorganisation, für die Koch arbeitet, hält solche Lernprozesse für wichtig. „Wir fangen die Leute auf, die keinen Platz in einem Verein finden oder soziale Probleme haben“, sagt Koch. Für ein Mädchen aus seinem Team ist die Reise nach Bosnien-Herzegowina der erste Auslandsaufenthalt überhaupt.

Während sie spielen, dröhnt die ganze Zeit Hip-Hop-Musik von einer zur Bühne umfunktionierten Ladefläche eines Lkws. Trotzdem, sagt Koch, sei Straßenfußball nicht mit der Skaterbewegung oder anderen Jugendbewegungen zu vergleichen. „Fußball ist einfach nur der kleinste gemeinsame Nenner, über den Völkerverständigung abläuft.“

Wie das gehen kann, zeigen die Kontrahenten aus Dublin, Potsdam und Poznan nach ihrem Spiel, als sie zu einer zweiten Diskussionsrunde zusammenkommen. Dieses Mal zur Auswertung ihres Spiels.

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