Sport : Botschaften aus der Schweiz

Urs Siegenthaler berät die Nationalmannschaft

Jürgen Roos[Basel]

Urs Siegenthaler ist Schweizer. Und darüber ist er auch ganz glücklich. Der 57-Jährige sitzt in seinem Büro über den Dächern von Basel und schwebt ein wenig über den Dingen. „Ich bin neutral“, sagt Siegenthaler, „das ist unabdingbar für den Job, den ich mache.“ Siegenthaler ist der oberste Spielbeobachter des deutschen Trainerduos Jürgen Klinsmann und Joachim Löw. Ganz nebenbei ist er Chef seiner eigenen Firma für Mess-, Steuer- und Regeltechnik in Basel. Bis zur Weltmeisterschaft 2006 soll er alle möglichen Gegner der deutschen Nationalmannschaft gesehen haben. Jeden drei Mal, wenn es geht. „Wir hinken hinterher, weil wir zu spät angefangen haben“, sagt Siegenthaler. 80 bis 90 Länderspiele sollen am Ende gesichtet sein, live und auf Video.

Vor einigen Tagen ist Urs Siegenthaler von einer seiner Dienstreisen zurückgekehrt. Eine Woche war er unterwegs. Zuerst in Botswana, um Tunesien zu beobachten, dann Argentinien und die Brasilianer in der WM-Qualifikation. Die drei Mannschaften hatte er speziell für den Confed-Cup beobachtet, weil Tunesien und Argentinien Gruppengegner der Deutschen sind, und Brasilien vielleicht ein späterer Kontrahent. „Zu einem guten Zeitpunkt sind alle diese Teams zu packen“, sagt Siegenthaler.

Trotz des Jetlags ist er kein bisschen müde. Wenn es um Fußball geht, kommt der Mann in Schwung. Dann spielt er sich selbst die Bälle steil zu, kontert kurz, grätscht ab, wenn es sein muss – allein das übertriebene Zeitspiel ist eine ständige Gefahr. Tunesien? „Entwickelt seine Wucht im Mittelfeld dadurch, dass sich bei Ballbesitz immer ein Spieler aus der Viererkette ins Mittelfeld bewegt.“ Argentinien? Brasilien? „Haben zwei grundverschiedene Verhaltensweisen bei der Balleroberung und bei der Auslösung der Angriffshandlung.“ Welche, bitte schön? „Die Argentinier kämpfen von der Härte her grenzwertig um den Ball, die Brasilianer wackeln bedenklich in der Innenverteidigung.“ Und das Spiel nach vorne? „Argentinien spielt vor auf Crespo, und dann geht die Post ab. Brasilien spielt Klein-Klein von hinten raus und läuft Gefahr, dass bald nur noch Zauberer am Werk sind.“

Ähnliches hat er vor dem Confed-Cup auch seinen Chefs Klinsmann und Löw erzählt. Natürlich ausführlicher, fundierter und in Fußballlehrersprache. Auf einer DVD wird er die passenden Szenen präsentieren. Nicht zu lang, höchstens fünf, sechs Minuten pro Gegner. „Eigentlich haben wir zu viele Informationen“, sagt Siegenthaler. „Die Kunst ist es, die Sache auf den Punkt zu bringen. Wer ist der wichtigste Mittelfeldspieler? Und wie spiele ich gegen ihn? Zum Beispiel.“

Urs Siegenthaler filtert wichtige Informationen heraus, aber seine Datensammlung ist eine scheinbar nicht versiegende Quelle. In seinem Laptop speichert er die Beobachtungen unter Stichworten wie „Negativ Team“, „Positiv Team“, „Grundordnung bei Ballbesitz“, „Grundordnung ohne Ballbesitz“. Seine Lieblingsrubriken sind: „Wie erfolgt die Balleroberung?“ und „Was geschieht nach der Balleroberung?“

Was seine Auftraggeber mit den Informationen anfangen, ist dem Schweizer im Grunde egal. „Will Klinsmann wissen, welche Leibchen die Spieler anhatten, sage ich Rot-Gelb und fertig“, sagt er. Wenn sein Vertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund am 31. Juli 2006 endet, und er nicht weitermacht, will Siegenthaler einem möglichen Nachfolger eine umfassende Datenbank hinterlassen.

Systematische Spielbeobachtung hält der Vorsitzende der Union Schweizer Fußball-Trainer im modernen Fußball für unabdingbar – und die Deutschen in diesem Punkt für rückständig: „Man hat das nicht für nötig gehalten – weil immer die Erfolge da waren.“ Dabei sei es doch gerade im Erfolg wichtig, etwas zu tun, damit man den anderen einen Schritt voraus sein kann.

Gern hören wird man das nicht in Deutschland. Siegenthaler lächelt und freut sich, dass er es trotzdem sagen darf. Als neutraler Schweizer. „Wissen Sie, ich hatte am Anfang keine Befürworter beim DFB“, sagt er. Außer Jürgen Klinsmann und Joachim Löw, in deren kleiner Revolution seine Verpflichtung Mitte Mai ein Mosaikstein war. Löw hatte bei Siegenthaler seinen Trainerschein gemacht. „Ich bin nur Schweizer, bin kündbar und habe keinerlei Seilschaften“, sagt Siegenthaler, „ich gehe in ein Spiel mit null Chancen. Meine einzige Trumpfkarte ist, sehr gute Arbeit zu tun.“

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