Boxen : Axt gegen Florett

Der Sieg gegen Mahir Oral zeigt: Box-Weltmeister Arthur Abraham ist zu schlagkräftig für seine Gewichtsklasse – und steigt nun wohl auf.

Ingo Schmidt-Tychsen
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Noch nicht genug? Abraham schlägt der Ecke seines Gegners Oral (hockend) die Aufgabe vor. Foto: ddp

Berlin - Arthur Abraham war in diesen Momenten kein Boxer, der seinen animalischen Instinkten folgt, der seinen Gegner nur noch zerstören will, weil er der harten Regel der Sportart folgt, die da heißt: Entweder er oder ich. Abraham wollte seinen Gegner Mahir Oral nicht weiter malträtieren, der Herausforderer hatte bis zu dieser zehnten Runde des Kampfes um die Weltmeisterschaft schon sechsmal den Ringboden für eine Verschnaufpause aufgesucht. Deshalb blickte Abraham fragend in die Ecke Orals und breitete die Arme aus, was so viel bedeuten sollte, wie: „Es hat doch keinen Sinn mehr, werft doch endlich das Handtuch!“ Nur wenig später hatte Orals Trainer Hans-Jürgen Witte ein Einsehen und warf das Handtuch zum Zeichen der Aufgabe. Der Ringrichter übersah es zunächst, Abraham aber hatte das Handtuch fliegen sehen und machte auf das Ende des Kampfes aufmerksam. In dieser zehnten Runde wurde nochmals deutlich: Der 29 Jahre alte Weltmeister nach Version der IBF hatte die volle Kontrolle über das Geschehen, nichts konnte ihn an diesem späten Samstagabend vor 6000 Zuschauern in der Berliner Schmeling-Halle gefährden. Der Deutsche armenischer Abstammung gewann seinen 30. Kampf als Profi und verteidigte seinen Titel erfolgreich, zum 24. Mal hatte er einen Fight vorzeitig beendet.

Schon ein paar Minuten nach dem Ende des Kampfes guckte Abraham nach vorn. „Ich werde die Gewichtsklasse wechseln“, sagte er noch im Ring. Sein Promoter Wilfried Sauerland war da noch etwas defensiver. „Wenn alles so läuft, wie wir uns das vorstellen, dann wird es in zehn Tagen eine Überraschung zu verkünden geben“, sagte er. Einen weiteren Kampf Abrahams im Mittelgewicht wollte Sauerland allerdings auch nicht ausschließen – vielleicht hofft er noch auf einen Titel-Vereinigungskampf mit dem US-Amerikaner Kelly Pavlik, der die Titel des WBC und der WBO hält.

Bisher waren die anderen Weltmeister im Mittelgewicht, Pavlik und Felix Sturm, dem starken Abraham mit mehr oder weniger glaubhaften Ausreden aus dem Wege gegangen – das Risiko einer Niederlage gegen Abraham bewerten sie offenbar als zu hoch. Einerseits will Abraham eben in Ermangelung konkurrenzfähiger Gegner die Klasse wechseln. Andererseits hat er immer wieder Schwierigkeiten, die Gewichtsnorm von rund 72,6 Kilogramm nicht zu überschreiten. Mache ihm die Schlagkraft der Gegner aus der nächsthöheren Klasse Super-Mittelgewicht denn keine Angst? „Nee“, sagte Abraham. Zum Sparring würde er ohnehin ausschließlich Partner aus höheren Gewichtsklassen einladen. „Die aus dem Mittelgewicht halten nicht so lange“, sagte er – und musste selbst lachen. Gut eine Stunde nach seiner Demonstration der Kraft gegen den Deutschtürken Oral glaubte man ihm das gerne.

Sollte Abraham wechseln, würde sein Titel im Mittelgewicht vakant werden. Dann käme wahrscheinlich Sebastian Sylvester zum Zug. Er ist Zweiter der IBF-Rangliste. Erster ist Giovanni Lorenzo. Ob es zu dem Duell kommt? „Das wäre eine Möglichkeit“, sagte Sauerland. Sylvester hatte am Samstagabend Lajuan Simon besiegt, der im März immerhin zwölf Runden gegen Abraham durchgehalten hatte.

Wie schwierig das ist, davon wusste Mahir Oral eineinhalb Stunden nach seinem technischen K. o. gegen Abraham zu erzählen. Mit einem geschwollenen Auge und reichlich blauer Farbe im Gesicht ließ er den Fight gedanklich noch einmal Revue passieren: „Schon nach dem ersten Niederschlag in der vierten Runde habe ich Sternchen gesehen.“ Dann aber habe er seinen Schweinehund überwunden, „weil doch so viele Zuschauer gekommen sind, die unterhalten werden möchten“. Bis zu eben dieser vierten Runde hatte Oral noch gut ausgesehen und den kleineren Abraham mit seinem sauberen Boxstil und häufigen Schlagserien auf Abstand gehalten. Abraham hatte das gut neun Minuten mit sich machen lassen. Dann schlug er zu. Und die Wucht der Punchs ließ die Nadelstiche Orals fast lächerlich erscheinen. Oral hatte Abraham fein mit dem Florett bearbeitet, Abraham haute mit der Streitaxt zu. „Er schlägt wie ein Pferd“, sagte Oral – und hielt sich die blaue Wange.

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