Boxen : Das ungleiche Paar

Trainer Alexander Zimin will aus Nikolai Walujew nicht nur einen Weltmeister, sondern einen ansehnlichen Boxer machen.

Michael Rosentritt
Walujew
Alexander Zimin, 1,58 Meter groß, ist der Trainer von Nikolai Walujew, 2,13 Meter. -Foto: Imago

BerlinDer Rumäne Gogea Mitu darf sich bis in unsere Tage hinein mit dem Ruf schmücken, der längste Mensch gewesen zu sein, der sich je als Boxer in einem Boxring versucht hat. Seine ungewöhnlichen Maße – Mitu war 2,23 Meter groß – waren allerdings das einzige, was ihn eine gewisse Popularität eingebracht hat. Am 1. Juni 1935 unterlag Mitu in Bukarest einem gewissen George Godfrey aus den USA. Es blieb Mitus einziger Boxkampf. Nikolai Walujew ist da schon ein ganzes Stückchen weiter. Der Schwergewichtler aus St. Petersburg, immerhin stattliche 2,13 Meter groß, hat nur einen seiner 50 Kämpfe verloren und war immerhin zwischen Dezember 2005 und April 2007 Weltmeister. Zwar war Walujew nie der größte (Ali würde sich schütteln), wohl aber der längste Weltmeister aller Zeiten. Morgen kann er sich diesen Titel wiederholen. In der Berliner Max-Schmeling-Halle trifft er auf John Ruiz aus den USA (22.55 Uhr/ARD).

„Alles, was zählt, ist der Sieg und den erwarten wir auch“, sagt Alexander Zimin. Zimin ist ein zierlicher Herr mit grauem Haar. Auch der 60 Jahre alte Trainer könnte sich mit einem hübschen Titel schmücken. Er ist vermutlich der kleinste Boxtrainer der Welt. Zimin misst 1,58 Meter. Und dieser Herr bringt dem russischen Riesen das Boxen bei.

Was für ein ungleiches Paar! Wenn beide nebeneinander stehen, reicht Zimin seinem Schützling bis zum Bauchnabel. Nur wenn der Koloss in seiner Ringecke auf dem Hocker sitzt, und Zimin aufrecht vor ihm steht, treffen sich ihre Blicke in einer halbwegs waagerechten Linie. Aus dem Training gibt es ganz andere Bilder. Beispielsweise bei der für Boxer unverzichtbaren Pratzenarbeit. Dabei hat der Trainer zwei tellergroße Polster über seine Hände gezogen, die die Schläge des Boxers absorbieren helfen. Wenn Zimin den hünenhaften Walujew an die Pratzen bittet, sieht es ulkig aus. Zimin muss seine Arme permanent in die Höhe strecken. Außerdem ist der Coach rund 100 Kilogramm leichter als der Dreizentnerboxer. „Es macht keinen Unterschied, ob der Boxer klein oder groß ist, weil ich ja nicht gegen ihn boxe“, sagt Zimin und lächelt. „Sehen Sie, Nikolai ist wirklich sehr groß, aber das behindert meine Arbeit nicht. Bei ihm muss ich als Trainer mehr Kraft aufbringen. Das ist das einzige, was ich am Abend merke.“

Alexander Zimin hat durchaus Erfahrung mit Boxern, die sehr viel größer sind als er. Zwischen 1981 und 1990 war er Nationaltrainer der sowjetischen Amateure. Diese zählen seit Jahrzehnten neben den Boxern aus Kuba zu den besten der Welt. Die sowjetische Boxschule setzt auf technisch hochwertiges Boxen, auf Beweglichkeit, Ästhetik und taktische Raffinesse. Zimin trainierte damals unter anderen Weltklasseboxer wie die Schwergewichtler Jakowlew und Miroschnitschenko. Letzterer etwa scheiterte im Halbfinale der Olympischen Spiele 1988 in Seoul am Amerikaner Riddick Bowe. Der Amerikaner wurde später Schwergewichtsweltmeister und hielt die Titel aller vier großen Verbände.

Nach 1990 ging Zimin mit zehn Auswahlboxern nach Japan. Das Sportkomitee der untergehenden Sowjetunion hatte einen entsprechenden Vertrag mit einem japanischen Profistall abgeschlossen. Irgendwann im vergangenen Jahr ereilte ihn ein Anruf Nikolai Walujews. Wie er stammt auch Zimin aus St. Petersburg. Walujew hatte im April 2007 seinen WM-Titel an den Usbeken Ruslan Tschagajew verloren und war auf der Suche nach einem Mann, der seinen langjährigen Trainer Manuel Gabrielian im Bereich Technik und Taktik assistieren sollte. Nach kurzer Anlaufphase war klar, dass es ein Nebeneinander nicht geben kann. Zu unterschiedlich waren die Boxphilosophien der beiden Trainer. Walujew trennte sich von Gabrielian.

Seit einem Jahr versucht nun Alexander Zimin, den riesenhaften Boxer stilistisch weiterzuentwickeln. Dass dieser schon 35 Jahre alt ist, sei kein Problem. „Wenn ein Boxer intelligent und in seiner Persönlichkeitsstruktur klar ist, dann lernt er auch mit 40 noch hinzu“, sagt Zimin. Fleiß, Durchhaltevermögen und Geduld sind die Schlagworte des Trainers. „Ja, es ist schwer, einem so großen Menschen technisch gutes Boxen beizubringen“, sagt Zimin. Walujew habe nicht gerade Idealmaß für einen guten Boxer. Und die meisten, die so groß sind, „sollten bitte nie mit dem Boxen anfangen, weil ihnen die allgemeine Veranlagung fehlt“, sagt Zimin. „Aber es gibt auch Ausnahmen.“ Und wieder lächelt der freundliche Herr. Dann sagt er: „Mein Mann ist so eine.“

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