Sport : Boxen: Der Aufstand des Statisten

Ingo Wolff

Oktay Urkal wirkt plötzlich irritiert, würde am liebsten den Raum verlassen. Zweimal versucht der Profiboxer aufzustehen und zu gehen, nachdem keiner mehr Fragen an ihn stellen will. Doch der Vertreter seines Managements hält ihn jedesmal mit besänftigenden Worten zurück. Es ist zwar nur ein gemütliches Beisammensein mit den Medien, aber nach einigen kritischen Fragen wird Urkal unruhig. .

Er hat eine handfeste Auseinandersetzung mit seinem Boxstall Universum und möchte die Affäre möglichst klein halten. Aber da er gegenüber seinem Vermarkter Klaus-Peter Kohl und dessen Geschäftsführer Peter Hanraths nicht klein beigeben will, bleibt er eben sitzen. Oktay Urkal ist enttäuscht über das Verhalten seines Promoters, weil er am 10. Februar beim Profikampfabend im Berliner Hotel Estrel vom Haupt- zum Nebenkämpfer degradiert wurde.

"Ich habe kein Problem damit, dass Rocchigiani boxt. Ich habe auch nichts gegen ihn persönlich." Aber dass er von ihm verdrängt wird, stört ihn mächtig. Graciano Rocchigiani sollte ursprünglich als Vorkämpfer von Thomas Ulrich und Oktay Urkal in den Ring steigen. Doch dann hat Universum den Kampf des Altmeisters - für den bis jetzt noch nicht einmal ein Gegner feststeht - hochgepuscht, weil sich Fernsehsender und Boxstall durch den Routinier höhere Einschaltquoten versprechen. Dadurch rutschte der Superleichtgewichtler Urkal ans Ende der Veranstaltung und vor allem nach die Übertragungszeit. "Ich sehe nicht ein, dass Sat1 jetzt dabei ist und mich nicht zeigt. Ich bin der Hauptkämpfer, der den großen Titel hat", sagt der Boxer, der sich selbst "Ali von Kreuzberg" nennt.

Urkal ist amtierender Europameister, bei dem 37-jährigen ehemaligen Weltmeister Rocchigiani geht es allenfalls um die Ehre - aber der Cruisergewichtler ist deutlich prominenter und zugkräftiger. "Es war meine Chance, bei der Übertragung groß rauszukommen", sagt Urkal. Er fühlt sich von Universum hintergangen, "weil es Versprechungen gab, dass ich ins Fernsehen komme". Jetzt wird er nur boxen, weil er nicht vertragsbrüchig werden will. Urkal fordert eine saftige Entschädigung von Universum: 250 000 Mark. Sollten ihm Kohl und Hanraths nicht entgegenkommen, würde sich der Olympiazweite von 1996 nach einem neuen Promoter umsehen. Bisher hält Hanraths die Forderung für zu hoch. Doch Urkal will nicht stillhalten, so wie viele andere ausländische Boxer bei Universum, die wegen der Sprachschwierigkeiten die Klappe nicht so aufreißen könnten, sagt der Deutsch-Türke. Das Universum das Problem unter den Tisch kehren kann, glaubt er nicht. "Ich bin eine Nummer zu groß für die", sagt Urkal. "Ich habe es Gott sei dank nicht mehr nötig, dass ich dem Geld hinterherrennen muss."

Sein Vertrag läuft im Juni nach fünf Jahren aus, und er hat bereits lukrative Angebote von anderen Vermarktern. Deshalb hat er keine Angst vor der Konfrontation, hofft aber noch auf eine gütliche Einigung. "Ich habe als Amateur und Profi immer meine Fans gehabt", sagt Urkal und verweist auf die 6000 Zuschauer bei seiner ersten EM-Titelverteidigung. Aber reicht das denn für eine Live-Übertragung auf einem großen Sender? Er verweist auf ein Versäumnis seines Managements: "Dann müssen sie mich eben noch berühmter machen." Schließlich ist der Olympiazweite von 1996 einer der erfolgreichsten deutschen Amateure der letzten Jahre und als Profi immerhin Europameister.

Urkal akzeptiert, dass Rocchigiani bekannter ist, "aber wenn sie mich so wie die Klitschkos oder Michalczewski vermarkten, werde ich genauso bekannt." Unter seinen Landsleuten ist er es schon, im Kreuzberger Kiez wird er ständig angesprochen. "Bei den Türken in Berlin und Deutschland kennt mich jeder." Er vergleicht das mit Henry Maske, den die Deutschen ja auch alle kennen würden. Für ihn zählt jetzt nur noch der Durchbruch bei einem großen Fernsehsender. Auch andere Promoter haben Fernsehverträge, wie etwa Sauerland mit der ARD. Doch bei diesem Thema gibt sich Urkal ausnahmsweise mal sehr verschwiegen.

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