Sport : Boxen: Der Beerdigung an den Boxring

Hartmut Scherzer

Als Steven Küchler in den Ring kletterte, kam Juan Antonio Samaranch. Zu viel der Ehre für einen, der den IOC-Präsidenten nicht einmal erkennen würde. "Ich müsste auf seine Akkreditierung schauen", gab der pfiffige Boxer zu. Der Besuch des hohen Gastes, der am Vorabend erst von der Beerdigung seiner Frau aus Barcelona zurückgekehrt war, galt einer olympischen Ikone: Felix Savon.

Fidel Castros Vorzeige-Adonis, Olympiasieger im Schwergewicht von Barcelona und Atlanta, begann den Kampf ums dritte Gold mit einem mühelosen Sieg über den Nigerianer Ojemmaye. Als habe er es eilig, seinen prominenten Besucher am Ring zu begrüßen, landete der Modellathlet schnell hintereinander 18 Treffer (bei drei Gegenschlägen) gegen den einen Kopf kleineren Afrikaner, so dass der deutsche Ringrichter Wilfried Lausch das "Missmatch" nach anderthalb Minuten der zweiten Runde abbrach.

Ein herzliches Shakehands mit Savon, und Samaranch ging wieder - wohl nicht, weil der IOC-Chef anschließend keinem Kriminellen die Ehre seiner Anwesenheit erweisen wollte. Michael Bennett hatte sieben Jahre wegen bewaffneten Raubüberfalls im Gefängnis verbracht und hier Boxen gelernt. Der amerikanische Weltmeister von 1999 besiegte den Polen Bartnik mit 11:2 Treffern und kann im Viertelfinale gegen Savon das "unfinished business", die unerledigte Sache, klarstellen. Bennett war nur Weltmeister geworden, weil Savon aus Protest gegen den Betrug an einem Staffelkameraden zum Weltmeisterschafts-Finale in Houston nicht antrat.

Zurück von der Ikone zu "Mr. Hollywood", wie Küchler wegen seines ausgeprägten Hanges zur Selbstdarstellung genannt wird. Zwei Sekunden vor dem Ende der dritten Runde landete der aufgeweckte Weltergewichtler aus Halle an der Saale den 17. Treffer gegen Giovanny Lorenzo (Dominikanische Republik): Abbruch. Bei 15 Treffern Differenz ist automatisch Schluss. "Das waren bisher nur Bretterzäune, die ich überwinden musste. Jetzt kommt eine Mauer", sagte Küchler über seine beiden bisherigen Siege und den bevorstehenden Kampf im Viertelfinale gegen Dorel Simion. Der Rumäne hatte vor ihm den ersten Kubaner, Roberto Guerra Rivera, aus dem olympischen Turnier geprügelt. Küchler und Simion kennen sich aus zwei knappen Duellen im letzten Jahr. Es steht 1:1. "Es wird der härteste Kampf meiner Karriere", weiß Küchler aus Erfahrung.

Im Schatten der Giganten Felix Savon und Michael Bennett siegte der deutsche schwergewichtige Stilist Sebastian Köber nach dem vorsichtigen Motto, nur schlagen, wenn du auch triffst, mit 9:4 gegen Magomed Aripgadschiew aus Aserbaidschan. Wenn der Bankangestellte aus Frankfurt an der Oder im Viertelfinale den aggressiven blonden Kanadier Mark Simmons auch mit seiner Sicherheitstaktik schafft, hätte er eine Medaille sicher und dann gegen Felix Savon nichts mehr zu verlieren.

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