Sport : Boxen: Des Wahnsinns tapsige Beute

Bertram Job

In der Vorstellungswelt vieler Boxfans sind die Konkurrenten eines bevorstehenden Duells erbitterte Rivalen, ja Feinde auf Zeit. Wer könnte es ihnen verdenken, werden sie in den letzten Wochen vor dem Termin doch bevorzugt mit Zitaten und Geschichten versorgt, die eine echte Animosität unter den Kontrahenten nahelegen? Eine kleine Prise öffentlich bekundeter Geringschätzung hat noch keinem Vorverkauf geschadet, weshalb auch eine neulich gestreute Äußerung von Timo Hoffmann zunächst glaubhaft wirkte. Der 26-jährige Profi mit Trainingssitz in Köln hatte demnach für seinen nächsten Gegner, den früheren Weltmeister Witali Klitschko, schon einen Sozialplan aufgestellt. Nach ihrem für diesen Sonnabend anberaumten Aufeinandertreffen in Hannover, so Hoffmann, könne sich der dann sportlich entsorgte Ukrainer fortan als Manager seines jüngeren Bruders Wladimir verdingen. So etwas ist schließlich auch eine reizvolle Aufgabe.

Es lässt sich schwer zurückverfolgen, wer Hoffmann diese dreiste Tirade in den Mund gelegt hat. Authentisch ist das Ganze jedoch auf keinen Fall, wie man vom Management Hoffmanns, Wilfried Sauerlands SPT GmbH, sehr bald erfuhr. So mag man die kleine Aufgeregtheit um den hünenhaften Schwergewichtler dem Umstand zuschreiben, dass der erwähnte Showdown in der Preussag Arena noch kein Publikumsknüller geworden ist. Die Tickets für das Kräftemessen der beiden ungleichen Kolosse sind bis dato nicht einmal ansatzweise ausverkauft, der große Medienrummel um das Ereignis bleibt ebenfalls aus. Da sollte die schnell erfundene Geschichte offenbar einen Knall erzeugen, der die Aufmerksamkeit der Fans und Boulevard-Reporter erregt.

Etwas scheint diesmal zu fehlen, was die sportliche Auseinandersetzung zweier Boxer zum großen Spektakel erhebt. Dabei sind doch wichtige Zutaten vorhanden. Immerhin geht das Duell um den nicht ganz unbedeutenden Titel eines Europameisters, ausgetragen noch dazu zwischen Hoffnungsträgern der beiden miteinander rivalisierenden deutschen Promoter. Ähnlich war es vor gut einem Jahr, als der Vergleich zwischen dem von Klaus-Peter Kohl betreuten Wladimir Klitschko und Sauerlands Axel Schulz alle 18 000 Sitze in der Köln-Arena füllte. Der Vergleich aber macht auch die Unterschiede klar. Timo Hoffmann ist kein Kassenmagnet wie der strahlende Verlierer Schulz. Seine durchwachsenen Vorstellungen wurden bislang im Vorprogramm versteckt. Witali Klitschko dagegen war bereits ungeschlagener WBO-Champion, als ihn im letzten Titelkampf eine Schulterverletzung zur Aufgabe zwang. Nun ist mit dem Titel auch der Nimbus vom Übermenschen aus der Ukraine weg. Und im Licht steht momentan eher Wladimir, der unlängst bejubelte Rächer seines Bruders.

Rekonvaleszent trifft Nobody - das lässt keinen Kampf des Jahrhunderts erwarten. Zudem sind die Chancen sehr ungleich verteilt. Kaum einer kann sich vorstellen, dass der im Stil unausgereifte Hoffmann länger als ein paar Runden die immens harten Schläge Klitschkos übersteht. Der zuweilen etwas tapsige Aspirant ging als Amateur einmal gegen Wladimir schwer k. o. Nur ganz sonnige Gemüter können behaupten, dass ihn unlängst bestandene Tests gegen Mario Schießer und Willi Fischer für den Ernstfall in Hannover prädestinieren. Timo Hoffmann aber hat so ein Gemüt. "Ich kann über Nacht weltberühmt werden", beschied er neulich dem Gesandten der "Sport-Bild". Und schloss daraus: "Wenn ich eine Aktie wäre - ich würde mich kaufen."

Einen Kursverfall kann sich jedoch auch Witali Klitschko nicht leisten. Wenn der unerschrockene Jäger von Holyfield und Tyson in Hannover gegen den mit 2,02 Meter ebenso großen EM-Gegner nicht klar und überzeugend gewinnt, kann er seine Karriere als künftiger Held auf dem amerikanischen Markt vergessen. Klitschko der Ältere hat die Folgen einer Operation an der Schulter auskuriert. Nun soll der neue Anlauf nach siebenmonatiger Pause den 29-Jährigen bald wieder in die Nähe einer WM-Chance bringen. Da fällt es ihm spürbar schwer, überhaupt etwas Substantielles zu seinem nächsten Gegner von sich zu geben. "Witali sieht ihn als Aufbaugegner", bescheidet sich Trainer Fritz Sdunek. Er selbst weiß: "Ich muss mich rehabilitieren." Einen kleinen Sozialplan als Replik für die lancierte Bemerkung seines Gegners hat aber auch der eindeutige Favorit: Der gelernte Konditor Hoffmann könne ihm ja eine Torte für die Siegesfeier kredenzen, sagte Klitschko.

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