Sport : Boxen: Flitzer schlägt Fighter

Hartmut Scherzer

Für Dan Rafael ist Sven Ottke ein Langweiler. Der Boxexperte der amerikanischen Zeitung "USA Today" erstellt nach dem Vorbild des legendären Nat Fleischer und seinem Box-Zentralorgan "The Ring" eine monatliche Weltrangliste der acht klassischen Gewichtsklassen. Im Halbschwergewicht nimmt der deutsche Weltmeister im Super-Mittelgewicht (IBF-Version) im August den fünften Rang hinter Roy Jones, Dariusz Michalczewski, Eric Harding und Joe Calzaghe ein. Eine beachtliche Platzierung. Der Kommentar zu Ottkes Kampfstil ist allerdings weniger schmeichelhaft. "Es ist aufregender, dem Gras beim Wachsen als dem Flitzer Sven zuzuschauen. Aber er gewinnt dauernd." Dan Rafael hat auch schon zu Ottke angemerkt: "Der Kerl kann alles. Doch wenn du Schwierigkeiten hast einzuschlafen, dann schau dir einfach ein Video von Ottke an."

Amerika ist nicht die Welt des Deutschen, der lieber in der Bördelandhalle in Magdeburg boxt. Hier begeistert der Berliner sein Publikum, wenn er mit seiner ausgeklügelten Defensivtaktik, seiner frappierenden Schnelligkeit und seiner bemerkenswerten Kondition die harten Schläger aus den USA austrickst und zur Verzweiflung bringt. Nach Thomas Tate und Charles Brewer versucht am Samstag (live in der ARD ab 22.30 Uhr) nun James Butler als offizieller Herausforderer, "das Phantom" im Ring zu stellen. Diesen Kampfnamen verpasste ihm einst die Propaganda von RTL, und Ottke fand die Bezeichnung "nicht so weit hergeholt". Denn: "Ein Phantom ist immer dort, wo man es nicht erwartet, und nie dort, wo man es erwartet. Genauso boxe ich. Will der Gegner mich treffen, bin ich weg."

Flitzer gegen Fighter. James Butler geht der Ruf voraus, ein aggressiver, harter Haudrauf zu sein. "Harlem Hammer" nennt sich der 28-Jährige, einst ein furchtloser Straßenkämpfer im Schwarzenviertel New Yorks. Der Aufstieg Mike Tysons animierte den rauflustigen Teenager, seine Fäuste gewinnbringend als Profi einzusetzen. Mit 18 begann Butler nach sportlichen Regeln zu kämpfen und hat seitdem 18 von 19 Kämpfen gewonnen, zwölf durch K.o.

Klar, dass der Hauer aus Harlem Dan Rafael imponiert. Das ist ein Boxer nach seinem Geschmack: "Ein donnernder Schläger. Es macht Spaß, ihm zuzuschauen." Vor seiner dritten Pflichtverteidigung, der elften insgesamt, steht der unbesiegte Sven Ottke also wieder einmal, wie es heißt, vor dem schwersten Kampf seiner Karriere. Derlei Prognosen lassen ihn kalt. "Ich muss sehr beweglich sein, meine Verteidigung muss hundertprozentig stehen. Dann wird er es schwer haben, mich voll zu treffen. Ich habe mich wie immer optimal vorbereitet. mehr kann ich nicht tun. Sollte ich trotzdem verlieren, habe ich Pech gehabt."

Seine Existenz hängt nicht daran. Der Maske-Nachfolger im Sauerland-Boxstall wartet zwar immer noch auf seine erste Millionenbörse. Aber was er in knapp fünf Jahren und 23 Kämpfen bisher verdiente, hat er gut angelegt. In Immobilien und Aktienfonds. "Ich habe keine gehobenen Ansprüche und habe nichts ausgegeben", erzählt Ottke. Von seiner Zukunft hat der 34-Jährige, verheiratet mit der einstigen Olympia-Schwimmerin Gabi Reha und Vater der achtjährigen Rebecca, klare Vorstellungen, auch wenn sich der gewünschte Vereinigungskampf mit einem Champion eines anderen Verbands nach Lage der Dinge kaum noch realisieren lässt: "Spätestens 2002 ist Schluss."

Das wäre das Ende einer dann zwanzigjährigen Boxkarriere. Als gelernter Industrie-Kaufmann kann der Boxer jederzeit zu seinem Ausbilder, damals noch Mercedes-Benz, zurückkehren. Und das ohne Nebenwirkungen aus dem anderen Beruf, den er stets unter der Prämisse ausübt, Schläge zu vermeiden. "Es ist Gott sei Dank so, dass ich mich noch immer artikulieren kann", sagt Sven Ottke. "Ich kann geradeaus gucken und habe keine Zitteranfälle. Und das soll so bleiben."

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