Sport : Boxen in der Parallelwelt

Henry Maske schlägt Virgil Hill, ohne ihn richtig treffen zu müssen

Michael Rosentritt[München]

Plötzlich hatte Henry Maske eine Idee. Im schwarzen Anzug und blütenweißem Hemd saß er in der zweiten Morgenstunde des 1. April vor der Presse und posierte. Er ballte seine linke Faust, hob sie, wie Boxer sie heben, schräg unters Kinn und setzte ein Gesicht auf, wie es niemand freiwillig trägt. Er lächelte und wollte gleichzeitig Biss zeigen. Als er merkte, dass bei den gelangweilten Fotografen Unruhe aufkam, schob er rasch eine Flasche des Sponsors beiseite. Noch mehr Auslöser klackerten. Von diesem – zehn Jahre vermissten – Geräusch benebelt überkam dem 43 Jahre alten Maske der pure Übermut. Endlich passierte was. Eine Stunde nach dem Kampf. Maske, der Sieger, stand auf und posierte in Lebensgröße. Doch Wirkung erzielte er auch damit nicht.

Möglich gemacht hatte diesen kleinen Zeitvertreib Virgil Hill, der zu spät zur Pressekonferenz erschien. Ohnehin hatte Hill so vieles möglich gemacht in dieser letzten Märznacht. Schließlich war er ja der Grund, warum Maske noch einmal in den Ring zurückgekehrt war. Hill, genauso alt und Maskes einziger Bezwinger im Ring, ist vor einem Jahr noch einmal Weltmeister geworden. Das juckte Maske und wurde ihm ein perfektes Alibi. So stand die fette Gage nicht mehr als Grund seines Comebacks im Vordergrund. Und Hill war es auch, der den operettenhaften, von RTL inszenierten Ausgang des Abends nicht verdarb. Der Amerikaner machte nicht nur auf der Pressekonferenz eine dürftige Figur, er war zuvor zwölf Runden lang ein lauer Abklatsch seiner guten Tage geblieben. Hill war zwar mit einer Häuptlingshaube im Ring erschienen, hatte aber nicht gekämpft. Nicht wenige Zuschauer fragten sich: Wo bitteschön war der Hill, der die vergangenen zehn Jahre nichts anderes gemacht hat, als zu boxen? Wo waren seine Vorteile gegenüber jemandem, der in den vergangenen zehn Jahren alles andere gemacht hat – außer Boxen?

Henry Maske wurde zum Punktsieger erklärt, ohne Hill bedrängt zu haben. Der einzig wirkungsvolle Treffer rührte von einem unabsichtlichen Kopfstoß aus der achten Runde, der Hills Haut über der linken Braue spaltete. Das Blut floss dem Amerikaner ins Gesicht und brachte ihn aus der Fassung. Der Ringarzt aber hatte keine Einwände.

Ansonsten war eine Art Schattenboxen zu sehen. Die Aktionen blieben in Andeutungen stecken. Die halbwegs gelungenen Angriffe hätten bequem in einen Amateurkampf von drei mal drei Minuten gepasst. Wobei Henry Maske dabei noch der geringere Vorwurf zu machen war. Er zeigte den Stil, mit dem er im vergangenen Jahrtausend Erfolg hatte. Er bemühte sich, Boxen zu unterbinden – und machte damit dort weiter, wo er im November 1996 aufgehört hatte. Der erste Kampf war schon ein Langweiler, die Neuauflage war die logische Fortsetzung unter den Bedingungen, dass die beiden Protagonisten mittlerweile im fünften Lebensjahrzehnt stecken.

Ein richtiger Kampf kam nie in die Gänge. Mal bewegten sich beide wie unter Wasser, mal kam das Geschehen vor lauter Lauerei zum völligen Stillstand. In der zehnten Runde setzte ein grandioses Pfeifkonzert in der mit 12 500 Zuschauern ausverkauften Olympiahalle ein. Die beiden letzten Runden immerhin holte eindeutig Maske. Er hatte zwar nicht ausgeteilt, aber weniger eingesteckt.

Dass er damit bei den drei Punktrichtern Erfolg hatte, ist ihm nicht vorzuwerfen. Wobei zwei 117:110-Wertungen aberwitzig waren. Vielleicht hatten aber die Herren die pathetische Ringrede Maskes mitgewertet, in die er viel Leidenschaft legte. Als er sagte, er habe filigran geboxt und Hill „in die Defensive gedrängt“, schien Maske in einer Parallelwelt unterwegs. „Schon in der ersten Runde war mir klar: Die zehn Jahre Pause waren besser, als durchzuboxen“, sagte Maske dann später, mit etwas mehr Abstand.

Es war nicht die einzige Überhöhung der Nacht, die RTL angerührt hatte. Der Sender platzierte noch vor dem ersten Gong einen Werbespot und schickte hinterher einen Übersetzer, der Hills Bemerkungen eigenhändig ausschmückte. „Ich habe kein Mittel gefunden“, hatte Hill gesagt. Der Nachsatz, „Henry war einfach zu stark“, war frei erfunden worden.

Wie schön würde sich da eine weitere Revanche machen, um die Hill später bettelte. Schließlich habe er Maske doch auch eine gewährt: „Ich hoffe, Henry gibt mir einen Rückkampf, ich kann darauf aber nicht zehn Jahre warten.“ Henry Maske schloss das aus. Er will endgültig abtreten. „Ich habe ein Versprechen gegeben“, sagte Maske und verwies auf seine Familie, „Das war eine wirklich letztmalige Sache.“Seiten 13 und 27

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