Boxen : Kämpfen um zu boxen

Noch eine Niederlage würden der Ruf und die Karriere von Arthur Abraham nicht aushalten.

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Berlin - Neulich war Arthur Abraham in fremder Mission unterwegs. Der frühere Boxweltmeister kellnerte. Für 2800 Obdachlose, die Schlagersänger Frank Zander alljährlich in ein Berliner Hotel zum Weihnachtsessen lädt. Und wie immer halfen auch dieses Mal ein paar Prominente aus, die Gänsekeulen zu verteilen. Arthur Abraham soll mächtig ins Schwitzen gekommen sein. Was gut für ihn war, respektive für sein Gewicht. Der Kampf mit den Kilos hat für Boxer Tradition und in Arthur Abraham auch ein Opfer gefordert. Der Deutsch-Armenier aus Berlin hat vor gut zwei Jahren seine angestammte Gewichtsklasse, das Mittelgewicht (72,5 Kilogramm), verlassen, weil er dort alles weggehauen und kaum noch Gegner gefunden hatte. Außerdem war es ihm zunehmend schwerer gefallen, das Limit zu halten. Oft musste Abraham noch in der Woche vor einem Kampf viele Kilos abkochen, was mitunter mehr Kraft kostete als der eigentliche Fight. Abraham startete fortan in der nächsthöheren Gewichtsklasse, im Super-Mittelgewicht (76,2 Kilogramm), was sich zwar deutlich komfortabler in der Vorbereitung anließ, aber ihn in eine Sackgasse führte. Er verlor plötzlich seine Kämpfe. Das führte Arthur Abraham in eine tiefe Sinnkrise. Heute Abend wird der 31-Jährige in Offenburg einen Aufbaukampf gegen den Argentinier Pablo Farias bestreiten (ARD/22.45 Uhr). Im Super-Mittelgewicht. Aber was heißt schon Aufbaukampf? Noch eine Niederlage würden sein Ruf und seine Karriere nicht aushalten. Zwischen 2006 und 2009 war Arthur Abraham ungeschlagener Champion im Mittelgewicht. Dann legte er seinen Titel freiwillig ab. Doch der Umstieg in die höhere Gewichtsklasse misslang ihm gründlich. Drei seiner letzten vier Kämpfe im Super-Mittelgewicht hat er verloren. Den bislang letzten im Mai vergangenen Jahres. Abraham stand vor den Trümmern seiner einst schillernden Karriere. Jetzt ging es nicht mehr um Kilos und Gagen, sondern ums Ganze. Wochenlang grübelte er, und auch sein Trainer Ulli Wegner sowie sein Manager Wilfried Sauerland blieben skeptisch. Sollte es das gewesen sein? Denn da waren ja nicht nur die Kilos, die ihn zu schaffen machten. Der Boxer hatte längst sein Kerngeschäft aus den Augen verloren. Arthur habe 21 Berufe, einer davon wäre der des Boxers, wie es sein Trainer Wegner mal sagte. Abraham will auch gar nicht mehr leugnen, dass er sich zeitgleich mit vielen anderen Dingen beschäftigt hat. Er möchte mit seinem verdienten Geld gut umgehen, er sei geschäftstüchtig, „und wenn ein Stein ins Wasser fällt, dann werden die Kreise immer größer“. Arthur Abraham ist in sich gegangen. Sollte er weitermachen? Und wenn ja, in welchen Limit? „Boxen ist mein Leben, nichts anderes“, sagt er. Abraham nimmt den Kampf an. Mit seinem Trainer an der Seite. Für Abraham stand die Zusammenarbeit nie infrage. „Der Trainer hat mich von null auf hundert gebracht, er hat viel für mich getan“, sagt der Boxer. Ulli Wegner war sich da längst nicht so sicher. Abrahams Niederlagen waren schwere Enttäuschungen für den 69-Jährigen. Dabei waren es nicht die Niederlagen allein, sondern die Art und Weise, wie Abraham sich präsentiert hatte, wie er Anweisungen und taktische Vorgaben des Trainers im Ring ignoriert hatte. Es gab berechtigte Zweifel daran, ob der Boxer noch einmal die Disziplin und den Biss aufbringen würde können, um es wieder nach ganz oben zu schaffen. Wegner lenkte ein. „Ich kann den Jungen doch nicht im Stich lassen“, sagte Wegner lapidar. Der Boxer musste aber auch seinen Manager wieder von sich überzeugen. Wilfried Sauerland hatte sein ehemaliges Aushängeschild öffentlich kritisiert. Natürlich seien Abrahams Gegner im Super-Mittelgewicht besonders stark gewesen, „aber im Ring stand nicht der Arthur Abraham, den wir kannten, der mit Stolz, Ehrgeiz und Leidenschaft boxte“, wie es Sauerland ausdrückt. Schließlich willigte auch Sauerland ein. Kurz vor dem Jahreswechsel unterschrieb Abraham einen neuen Dreijahresvertrag. Zusammen geben sie sich eine zweite Chance. Dabei hat Arthur Abraham sein Ziel klar umrissen. Er will wieder Weltmeister werden. „Dieses Gefühl, zu siegen und Weltmeister zu werden, das kann man für kein Geld der Welt kaufen. Man muss es erleben. Und ich will es wieder erleben“, sagt er. Und er wird im Super-Mittelgewicht starten. „Ich will mich erfolgreich zurückmelden und mich zurück in die Herzen der Fans boxen“, sagte Abraham vor dem Kampf gegen Farias. Sein Gegner ist hierzulande weitgehend unbekannt, da er bislang nur in seiner Heimat Argentinien boxte, wo er 19 seiner 20 Kämpfe gewann. Für Arthur Abraham zähle nur ein überzeugender Sieg. Nur so kann er seiner Karriere als Boxer wieder eine Perspektive verleihen.

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