Boxen : Multitalent im Kerngeschäft

Showdown in der O2-Arena: Witali Klitschko kehrt in den Ring zurück – und muss sich dabei gegen die brutale rechte Faust von Samuel Peter zur Wehr setzen.

Sven Goldmann
Peter Klitschko
Schau mir in die Augen Kleiner: Witali Klitschko (l.) und Samuel Peter beim visuellen Nahkampf. -Foto: ddp

Berlin - Schwerer als schwer geht nicht, jedenfalls nicht beim Boxen. Mithin ist das Wiegen vor einem Schwergewichtskampf eine höchst überflüssige Angelegenheit, wären da nicht zum einen die vielen Sponsoren mit ihren vielen bunten Werbetäfelchen und zum anderen die Kaffeesatzlesereien der versammelten Expertenschaft. Ein Kilo über dem Optimalgewicht könnte für Faulheit und ungenügende Vorbereitung stehen, eins zu wenig für Ausgezehrtheit. Entscheidend ist nicht im Ring, sondern auf der Waage.

Gut tausend Experten mit Handykameras und Autogrammkarten verfolgen am Freitag in einem Kaufhaus am Bahnhof Zoo den Einmarsch des Weltmeisters. Samuel Peter ist in Nigeria aufgewachsen, genießt aber seit ein paar Jahren das Leben in Miami. Am Samstag steigt er in der neuen Arena am Ostbahnhof zur Titelverteidigung gegen Witali Klitschko in den Ring. Auch ohne Hinzuziehung derWaage würde man leicht zu der Erkenntnis gelangen, dass dem Weltmeister das eine oder andere Pfund weniger ganz gut zu Gesicht stehen würde. Sein Kampfgewicht soll bei 114 Kilogramm liegen.

Majestätisch schreitet der Weltmeister auf die Bühne, begleitet von reichlich Bodyguards und der Musik, die der Veranstalter für ihn ausgesucht hat (Bob Marleys Beziehung zum Boxen und zu Nigeria ist noch unzureichend erforscht). Peter legt das lieb gewonnene deutsche Fußballtrikot ab und die Jeans und die Sonnenbrille. Nur das um seinen Hals hängende Geschmeide darf bleiben, aber daran allein liegt es wohl nicht, dass die Waage mehr anzeigt, als vermeintlich gut ist für Samuel Peter: 115 Kilo.

Die Experten mit den Handykameras und Autogrammkarten lachen und johlen, denn sie sind in ihrer überwältigenden Mehrheit Klitschko zugetan. Peter hebt den rechten Zeigefinger. Das ist seine Lieblingsgeste, sie steht für Einschüchterung, aber auch für den Respekt, den er als Weltmeister einfordert. Samuel Peter fühlt sich in Berlin nicht immer angemessen respektiert. Als am Montag bei einem ersten PR-Termin alles um ihn herum Deutsch sprach und kein Dolmetscher zur Stelle war, formulierte Peter seine Statements in einem nigerianischen Dialekt, den nicht mal sein Trainer verstand. Ansonsten sagt Peter wenig und lässt lieber andere über sich reden. „Ich arbeite jetzt seit acht Jahren mit Samuel“, sagt sein Promoter Dino Duva, „und ich habe ihn noch nie so fit, so schnell und so stark gesehen wie vor diesem Kampf.“

Witali Klitschko ist einen Kopf größer als der Weltmeister – und drei Kilogramm leichter. Ein smarter, austrainierter Athlet, man sieht ihm seine 37 Jahre nicht an. Aber wie ein Schwergewichtsboxer sieht er auch nicht aus. Jedenfalls nicht, wenn man vorher Samuel Peter gesehen hat.

Witali Klitschko ist anders als sein jüngerer Bruder Wladimir kein technisch begnadeter Boxer. Seine Stärke ist der Punch, der harte Schlag, der dem promovierten Sportwissenschaftler den Spitznamen Dr. Faust eingebracht hat. Verteidigen kann er nicht so gut. Es gibt deswegen im Dunstkreis der Schwergewichtsszene nicht wenige Experten, die Klitschko für verrückt halten, dass er es nach vier bequemen Jahren als Privatier, Politiker und Geschäftsmann wieder in den Boxring steigt, und dann auch noch gegen Samuel Peter, der noch sehr viel härter schlägt. Peters Kapital ist nicht die Beweglichkeit, sondern seine rechte Faust. Eine furchtbare Waffe, die ihm in 31 Profikämpfe 30 Siege beschert hat, 23 davon durch K.o. Es gibt angenehmere Gegner für ein Comeback nach einer so langen Pause.

Am Ende ist das Multitalent Klitschko doch bei seinem Kerngeschäft geblieben. Die Kiewer haben ihn nicht zum Bürgermeister gewählt, die Varianten zur Anpreisung der Milchschnitte sind ausgereizt, und dann ist da immer noch der Traum, einmal gemeinsam mit Wladimir als Champion die Boxwelt zu regieren.

Wladimir Klitschko weicht seinem Bruder in diesen Tagen nicht von der Seite. Der Weltmeister der Konkurrenzverbände IBF, WBO und IBO hat Samuel Peter vor drei Jahren die bisher einzige Niederlage zugefügt. Es war auch deswegen umstrittenes Urteil nach Punkten, weil der Verlierer den Sieger gleich dreimal zu Boden schlug. „Witali wird das nicht passieren“, sagt der Bruder, und entschieden werde der Kampf ohnehin nur scheinbar mit den Fäusten. Alles Kopfsache, sagt Wladimir Klitschko, „Peter ist nervös.“

Wenn das stimmt, dann hat der Weltmeister seine Nervosität ganz gut kaschiert. Die obligatorischen PR-Termine mit Klitschkos charmanten Vorträgen ertrug er mit demonstrativem Desinteresse, nicht mal das Video mit seinen drei Niederschläge gegen den kleinen Klitschko mochte er sich anschauen. Einmal nur entglitt Peter eine Gefühlsregung. Das war am Montag, als Witali Klitschko für ein Foto Hand an den WM-Gürtel legen wollte. „Hände weg“, knurrte der Weltmeister. „Das ist meiner!“

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