• Boxen muss nicht wehtun - Weltmeister Ottke beherrscht den harmlosen Herausforderer Bryan nach Belieben

Sport : Boxen muss nicht wehtun - Weltmeister Ottke beherrscht den harmlosen Herausforderer Bryan nach Belieben

Michael Rosentritt

Oben im Ring steckt irgendeiner ein gelbes Mikrofon durch viele Arme bis hin zu Sven Ottke. Der Animierungsversuch glückt - freudestrahlend nimmt Ottke das Mikro in die Hand, was ziemlich kompliziert ist wenn man Boxhandschuhe trägt. Komplizierter jedenfalls, als der Zwölf-Rundenkampf gegen Lloyd Bryan an diesen Abend in der ausverkauften Bördelandhalle zu Magdeburg. Ottke bedankt sich brav beim tosenden Publikum, findet Worte wie "super", "süß" und "herzlich" und darf schließlich seinen breiten Gürtel als Weltmeister im Supermittelgewicht nach Version der IBF mit aufs Hotelzimmer nehmen. Die Punktwertungen fallen drastisch aus: 117:109 (Artisst/USA), 118:108 (Mancini/Italien) und 120:106 (Küchler/Deutschland). Und der übertragende Sender (RTL) feiert eine entsprechende Quote: 6,9 Millionen TV-Zuschauer in der Spitze. Das ist Rekord für Sven Ottke.

Während der 32 Jahre alte Spandauer, den die Anhaltiner fest in ihr Herz geschlossen haben seit seinem ersten Kampf hier vor einem halben Jahr, noch ein Veilchen unter seinem rechten Auge kühlt, ringt Lloyd Bryan um Luft und Anerkennung. "Ich habe heute mein Bestes gegeben, aber das war für diesen Mann nicht gut genug. Vielleicht bekomme ich noch einmal eine Chance." Das wird aller Voraussicht nach nicht passieren, denn dafür hat der 29-jährige Jamaikaner mindestens einen Kampf zu viel verloren. "Er hat mir einfach gelegen", sagt Ottke nach seiner Demonstration im Ring, "ich konnte heute viel zeigen." Hübsch anzusehen ist es tatsächlich. Wenngleich Bryan einfach nicht das Format eines Ottke hat.

Mit dem ersten Gong ist zu befürchten, das es nicht so gut bestellt sein wird, um den zu schmächtig geratenen Jamaikaner. Dieser nestelt zwar viel mit seiner flinken, linken Führhand, wippt und pendelt mit dem Oberkörperung, doch Wirkung erzielt der Mann aus Übersee damit nicht. Ottke dagegen agiert passiv, dabei aber überlegen und dominant. Schon bald stellt sich heraus, das der kahlköpfige Herausforderer mit einem Bart, wie sie zuletzt chinesische Krieger trugen, nie die richtige Distanz findet. Gegen Ende der zweiten Runde hat ihn Ottke am Rande eines Knockouts. Nur der Gong rettet den schmalen Bryan vor dem dicken Ende. "Wenn diese Runde ein halbe Minute länger gegangen wäre", sagt Ottke ohne wirklich böse zu sein, diese Chance verpasst zu haben. So entwickelt sich ein Duell über die volle Distanz, das vor allem dem Publikum schmeckt. Alles hübsch anzuschauen, doch vielleicht ist Bryan zukünftigt besser in einem Fitness-Tempel aufgehoben, wo er gegnerlos vor dem Spiegel boxen kann.

Die Aussichtslosigkeit seines Tuns vor Augen, versucht der Jamaikaner - seinen Kopf vorne weg wie ein Ochse -, den Weltmeister auf die Hörner zu nehmen. In der achten Runde fängt er sich schließlich eine Verwarnung wegen Tiefschlagens ein, während der warmgelaufene Ottke Kusshändchen ins Publikum schmeißt. In der zehnten Runde schickt ihn ein kräftiger rechter Haken Ottkes gegen die Kieferflanke in den Ringstaub. Nach den zwölf temporeiche Runden recken beide Boxer die Arme gen Hallendach. Ottke zum Zeichen des Sieges, Bryan wohl, weil er halbwegs heil geblieben ist.

Manager Winfried Sauerland lobt seinen Schützling und das Magdeburger Publikum: "Svenni muss hier Ahnen haben. Ich hatte den Eindruck, heute waren ausschließlich seine Brüder und Schwestern hier, so toll haben sie ihn angefeuert." Dieser Sympathiebonus könnte noch einmal wichtig werden. Denn als nächstes steht die Titelverteidigung gegen Charles Brewer (USA) an, gegen den Ottke im Oktober 1998 durch einen äußerst knappen Punktsieg den Titel gewonnen hatte. "Ich würde den Kampf gern nach Magdeburg holen, denn den Vorteil möchte ich Sven Ottke mit auf dem Weg geben. In einem engen Kampf ist das Publikum hier für zwei, drei Punkte gut."

Die angestrebte Titelvereinigung mit dem WBA-Champion Byron Mitchell (USA), der im April erst gegen den Franzosen Bruno Girard anzutreten hat, muss warten. Außerdem verfolgt Sauerland noch ein anderes Ziel. "Vorstellbar ist, dass Sven den Sieger des Kampfes Michalczewski gegen Rocchigiani boxt. Und wenn Graciano gewinnt, was ich denke, kommen wir nach Berlin in die Waldbühne."

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