Boxen : Nehmen, was vor die Fäuste kommt

Im Boxkampf gegen Eddie Chambers steht Wladimir Klitschko vor einer lästigen Pflichtaufgabe.

Gianni Costa[Düsseldorf]

Eddie Chambers ist der große Rummel wohl nicht ganz geheuer. Der 27 Jahre alte Boxer lächelt verlegen in die Kameras und guckt sich um, als hätte er sich verlaufen und suche nun den schnellsten Weg nach draußen. Die Herren um ihn herum aber finden, dass Chambers unbedingt hierhin gehört. Sie sagen, er sei ein Box-Talent wie einst Muhammad Ali, Joe Frazier und Mike Tyson. Mindestens. Seine Fähigkeiten soll er heute (ab 22.05 Uhr/live bei RTL) in der ausverkauften Düsseldorfer Arena vor 51 000 Zuschauern zeigen – gegen Wladimir Klitschko. Der Ukrainer thront seit sechs Jahren ununterbrochen an der Spitze der Schwergewichts-Verbände IBF, WBO und IBO. Sollte Chambers tatsächlich ein Großer werden wollen, an diesem Abend am Rhein ist dazu die ideale Gelegenheit, sein Können zu demonstrieren.

Klitschko hat naturgemäß ein Interesse daran, das mehrfach nachgewiesene Talent von Chambers nicht über Gebühr zur Geltung kommen zu lassen. Immerhin ist der aus Pittsburgh stammende Box-Profi nach seinem Sieg gegen Klitschkos Landsmann Alexander Dimitrenko im vergangenen Jahr die Nummer eins im Klassement der WBO. „Ich will die Welt schocken”, verspricht er nun für seine aktuelle Aufgabe gegen den Ukrainer Klitschko. Ein durchaus ambitioniertes Vorhaben für den in der Szene unter dem Kampfnamen „Fast Eddie” firmierenden Schwergewichtler. Tatsächlich ist er außerordentlich schnell, was er Mitte der Woche bei einer öffentlichen Trainingseinheit anschaulich vorführte. Flink tänzelte er durch den Ring und versicherte: „Ich bin bereit für dieses Duell. Ich bin bereit für diesen Abend. Das wird mein Kampf.”

Der Titelträger selbst erträgt vollmundige Ankündigungen seiner Gegner gelassen und weist auf seine eigenen Vorzüge hin. „Ich war noch nie so schnell, noch nie so überlegt und noch nie so erfahren wie jetzt”, sagt Klitschko. „Ich brenne für den Sport und ich brenne für diesen Tag.” In seinem letzten siegreichen Duell mit dem Usbeken Ruslan Tschagajew im Juni 2009 hatte er einen Sehnenriss erlitten und musste nach anschließender Operation neun Monate aussetzen – so lange hatte er noch nie zuvor zwischen einem seiner 56 Profikämpfe pausiert. „Niemand muss sich Sorgen um mich machen”, sagt der 33-Jährige. „Ich habe meinen Beruf in dieser Zeit nicht verlernt.”

Düsseldorf ist für Klitschko eigentlich nicht mehr als eine lästige Pflichtaufgabe. Zwar sind in seinem Lager alle darum bemüht, die Klasse von Chambers zu unterstreichen (Trainer Emanuel Stewart: „Er ist sein bislang stärkster Gegner.“), doch so richtig überzeugend klingt das alles nicht. Zu groß sind die Unterschiede. Chambers ist mit seinen 1,85 Meter beachtliche 15 Zentimeter kleiner und mit 95 Kilogramm beim offiziellen Wiegen gestern 16 Kilogramm leichter als sein Gegner.

Dem fehlt zu seinem Glück nur noch ein weiterer Titel. Wladimir und sein fünf Jahre älterer Bruder Witali (WBC-Champion) träumen davon, alle WM-Titel gleichzeitig zu besitzen. Im Weg steht zur Erfüllung des Ziels nur noch der Brite David Haye. Der hatte sich den WBA-Gürtel 2009 in Nürnberg gegen den russischen Riesen Nikolai Walujew geschnappt und will seinen Erfolg noch etwas auskosten – der 29-Jährige weicht einem Gefecht mit einem der beiden anderen Titelträger hartnäckig aus.

Die müssen derweil nehmen, was ihnen vor die Fäuste gesetzt wird. Wirklich Spannung wird nur durch Geschichten abseits des Rings erzeugt. Wladimir Klitschko hat mit der US-Schauspielerin Hayden Panettiere seit geraumer Zeit eine Liaison und sorgt so selbst für etwas mehr Glamour-Faktor. „Ich will den Menschen ein Spektakel bieten“, sagt Wladimir Klitschko, „eine große Arena hat eine große Show verdient.” Hoffentlich findet diese auch im Ring statt.

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