Boxen : Schlanke Finger, starke Faust

Großer Boxkampf im Berliner Tempodrom: Der Russe Alexander Powetkin kann gegen den US-Amerikaner Eddie Chambers neuer Weltmeister im Box-Schwergewicht werden – mit den Händen eines Pianisten.

Michael Rosentritt
Powetkin
Im Ring ist er nicht behutsam: Boxer Alexander Powetkin (re.). -Foto: ddp

BerlinAlexander Powetkin macht sich über einen großen Teller Garnelen her. Genüsslich eher, nicht mit Gewalt, wie man es von einem 100-Kilo-Mann erwarten könnte. Mit seinen Händen biegt er die Garnele gerade, den Kopf links, den Schwanz rechts, bis die harte Schale bricht. Sorgsam trennt er dann das Schwanzteil vom Körper. Mit den Fingern eines Pianisten rückt er dem Tier zu Leibe, so klaubt er die einzelnen Glieder der Schale ab. Powetkin hat außergewöhnlich schlanke Hände für einen Mann, der womöglich der neue Boxweltmeister im Schwergewicht sein wird.

Heute Abend wird er im Berliner Tempodrom (22.35 Uhr, live in der ARD) seine Hände zu Fäuste ballen und etwas zu knacken haben, was sich wehren wird. Sollte Alexander Powetkin den US-Amerikaner Eddie Chambers (30 Kämpfe, 30 Siege) schlagen, wäre er der offizielle Pflichtherausforderer von IBF-Weltmeister Wladimir Klitschko.

Der Kampf in Berlin ist das Finale des so genannten „Box of“ der International Boxing Federation (IBF). Der Weltverband hatte dieses ungewöhnliche Viererturnier ausgelobt, um den Herausforderer des derzeit besten Schwergewichtlers zu ermitteln. Die erste Hürde hat Powetkin im Oktober übersprungen, als aus Ecke des früheren Weltmeisters Chris Byrd (USA) in der elften Runde das Handtuch flog. Chambers hatte sich mit einem Sieg über seinen amerikanischen Landsmann Calvin Brock für den finalen Ausscheidungskampf qualifiziert. In der mittlerweile von Boxern aus der ehemaligen Sowjetunion dominierten Schwergewichtsszene ist der junge Mann aus Philadelphia die verbliebene US-Hoffnung. Deswegen wird der amerikanische Bezahlsender HBO den Kampf live übertragen. Als Kokommentator wird der bislang letzte Meister aller Klassen am Ring sitzen, der Engländer Lennox Lewis. In 44 Ländern wird der Kampf live zu sehen sein.

Zudem erhält der Chambers-Clan prominente Unterstützung. In seiner Ringecke wird Buddy McGrit sein. McGrit genießt höchste Weihen in den USA, weil er in seinem Gym in Florida Stars wie Mike Tyson und Lamon Brewster coachte. „Demjenigen, der diesen Kampf gewinnt, wird die Zukunft des Schwergewichts offen stehen“, sagt Chambers’ Manager Dan Goosen. Ganz ähnlich denkt Powetkins deutscher Manager Wilfried Sauerland. „Alexander hat gegen Byrd gezeigt, warum wir so große Stücke auf ihn halten. Ich bin davon überzeugt, dass er im Schwergewicht auch Weltmeister werden kann.“ Mit diesen Händen?

Sie passen so wenig zu seiner Profession. „Früher hat man mir mal gesagt, ich solle Musiker werden“, erzählt der Boxer und dreht seine Hände hin und her. „Inzwischen haben sie sich eingeschlagen.“ Wieder lächelt der Mann, der vor 28 Jahren in Kursk zur Welt kam. Und dabei fällt auf: Auch sein Gesicht entspricht kaum dem gängigen Bild von einem Boxer. Es sieht makellos, jungenhaft aus. Liegt es an den Genen, oder doch daran, dass er bisher wenig abbekommen hat im Boxring? „Sex and Drugs und Rock’n’Roll“, antwortet Powetkin und meint natürlich so ziemlich das genaue Gegenteil. „Ich rauche nicht, ich trinke kaum und bewege mich viel in der Natur.“ Geprägt vom harten Regime der russischen Boxschule lebt er heute in Tschechow, einer Stadt mit 70 000 Einwohnern 80 Kilometer südlich von Moskau, die mehrmals umbenannt und ihren heutigen Namen seit 1954 trägt – zu Ehren des Schriftstellers Anton Tschechow.

Powetkins boxerischen Vorzüge sind schnell umrissen: saubere Technik, hohe Beweglichkeit, eine ausgeprägte Wachheit für Gefahr sowie das sichere Gespür kurzen Prozess zu machen. „Zu meinem Management sage ich immer: Kümmert ihr euch um das Drumherum, ich erledige den Job im Ring.“

Bislang hat er 11 seiner 14 Profikämpfe durch Knockout gewonnen. In seinem 16. Fight könnte er den WM-Gürtel holen, was ungewöhnlich schnell wäre. Wladimir Klitschko etwa wurde in seinem 36. Profikampf zum ersten Mal Weltmeister. Wie Klitschko (1996) ist auch Alexander Powetkin Olympiasieger im Schwergewicht (2004). Olympisches Gold im Schwergewicht ist immer noch die beste Eintrittskarte ins Profigeschäft.

Tatsächlich war der 1,90 Meter große Powetkin nach seinem Triumph bei den Spielen in Athen einer der gefragtesten Amateurboxer weltweit. Alle bedeutenden Promoter wollten ihn unter Vertrag nehmen: der Amerikaner Don King, der Brite Frank Warren oder Sauerlands deutscher Rivale Klaus-Peter Kohl. Sauerland machte das Rennen. Seiner im Max-Schmeling-Gym am Olympiastadion beheimateten Firma soll das Ja-Wort des Russen ein hohes Sümmchen wert gewesen sein. Von einer Million Dollar ist die Rede. Bestätigen mag das niemand.

Noch ist der Olympiasieg für Alexander Powetkin die bislang höchste sportliche Ehre. Im Profiboxen gibt es immer noch zu viele Verbände und zu viele, die sich Weltmeister nennen dürfen. „Olympiasieger ist man aber nur allein.“ Allerdings, sagt er leise: „Ich weiß ja nicht, wie es sich anfühlt, Profiweltmeister zu sein.“ Daran denken mag er jedenfalls noch nicht. „Ich mag keine Prognosen, denn bei ihnen besteht die Gefahr, dass ich mich selbst belüge“, sagt Powetkin. „Ich gehe immer nur Schritt für Schritt. Aber das Ziel behalte ich dabei immer im Auge.“ So wie er Garnelen knackt und isst, so will er offenbar auch sportlich vorankommen: behutsam, aber beharrlich. Sein Trainer Waleri Below, der frühere Coach der russischen Olympiaauswahl, sagt: „Ich glaube an seine russische Seele und sein russisches Männerherz.“

Der Kampf heute wird viel Herz erfordern, denn laut Powetkins Manager Sauerland ist er „richtungsweisend für das Schwergewicht“. Es gehe um die „neue Generation“, denn die Champions von heute seien nicht mehr die jüngsten und hätten viele Kämpfe in den Knochen. Powetkin lauscht solch großen Worten regungslos. Der Rummel ist ihm suspekt. „Lassen Sie uns erst dann darüber reden, wenn es wirklich soweit ist“, sagt Powetkin und winkt mit seinen Pianistenhänden ab. Ein Instrument kann Alexander Powetkin tatsächlich spielen. Die Garmoschka, eine russische Ziehharmonika.

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