Boxkampf in Magdeburg : Treffer zählen, nicht Schläge

Entscheidung im dritten Duell: Nach zwölf Runden konnte Profiboxer Arthur Abraham aufatmen: Mit 2:1-Richterstimmen gewann er gegen Robert Stieglitz und holte sich den WM-Titel zurück.

Bertram Job
Er hat ihn zurück, den WBO-Titel. In der Nacht zum Sonntag siegte Abraham über Stieglitz.
Er hat ihn zurück, den WBO-Titel. In der Nacht zum Sonntag siegte Abraham über Stieglitz.Foto: dpa

Am Ende des Tages war der Boden unter seinen Füßen ein schwankendes Schiff. Robert Stieglitz hätte wohl gerne ein Geländer gehabt, um die letzten Momente seiner 50. Arbeitsschicht hinter sich zu bringen. Aber in einem Boxring sind die festen Taue leider an den Seiten statt mittendrin. Außerdem war da noch dieser andere, der es nicht lassen konnte. Ein guter Bekannter, mittlerweile, der weiter mit voller Wucht auf seinen Kopf einhieb – bis es endlich vorüber war.

Der letzte Eindruck kann entscheidend sein im Preisboxen, wo nicht eine Maschine, sondern drei Menschen punkten. Und da hatte der 32 Jahre alte WBO-Champion im Super-Mittelgewicht nicht die beste Figur abgegeben. Ausgerechnet in seinem Wohnzimmer, einer Großhalle in Magdeburg, war er nach einer Energieleistung eingebrochen. Wer sich nicht von Emotionen tragen ließ, konnte es in der zweiten Hälfte der letzten fünf, sechs Runden wie besonders im Finale furioso erkennen. Stieglitz stand noch, irgendwie, als ein furchtbar dröhnender Sprecher mit Geisterbahn-Timbre das Votum der Juroren verkündete. Nur einer davon hatte ihn (113:112) vorne gesehen, während zwei Herausforderer Arthur Abraham (115:110, 114:111) favorisierten. Von da an herrschte Empörung im Lager des entthronten Champions, der sich vor 7500 enthusiastischen Zeugen in der ausverkauften Arena über weite Strecken als treibende Kraft präsentiert hatte – zumindest auf den ersten Blick.

„In meinen Augen ist das Betrug“, protestierte Stieglitz weit nach Mitternacht vor der Medienschar. Noch immer sekundiert von Trainer Dirk Dzemski, der sich „enttäuscht über das Urteil“ gab und auf eine Art Gewohnheitsrecht im Boxen beharrte: „Es kann nicht sein, dass knappe Runden nicht an den Champion, sondern an den Herausforderer gehen.“ Dabei ist gerade dies ein selten erreichtes Ideal in dem oft angezweifelten Showsport: einfach dem die Runde zu geben, der sie unterm Strich gewonnen hat.

Der deutsch-russische Lokalheld (46 Siege, 4 Niederlagen) hatte im dritten Duell mit dem deutsch-armenischen Erzrivalen geboxt „wie die Feuerwehr“, wie sein Promoter Ulf Steinforth formulierte. Es war der gleiche Stil, in dem er Arthur Abraham voriges Jahr an gleicher Stelle in gut drei Runden zerbeult und verschlissen hatte – Revanche für die klare Punktniederlage im ersten Duell Ende August 2012 in Berlin. Effektiver war jedoch der Mann, der ihm bald eine Runde nach der anderen stahl.

Das nächste Prestigeduell für Abraham wäre ein Kampf gegen Felix Sturm

Arthur Abraham (39 Siege, 4 Niederlagen) ließ sich von den vielen, überfallartigen Attacken diesmal nicht aus dem Konzept bringen. Er hatte bald die klareren, wirkungsvolleren Treffer auf seiner Seite, inklusive eines Niederschlags in Runde 12, und beherrschte das äußerst verbissene Gefecht (je eine Verwarnung) auf die leise Art. Im aktuellen Fußball gibt es Mannschaften, die ihre Spiele mit gerade dreißig bis vierzig Prozent Ballbesitz gewinnen. Und im Boxen gibt es ausgebuffte Strategen wie Abraham, die mit viel weniger Schlagbesitz Kämpfe bestimmen.

„Er hat sich noch mal aufgerafft“, lobte sein allzeit heiserer Coach Ulli Wegner, und „wieder mal was Positives“ gezeigt. Darin steckt die ganze Verzweiflung über einen hoch begabten Schützling, der sich in seinem 12. Profijahr nicht immer so einfach fokussieren und ins Trainingscamp sperren lässt.

Im dritten Frühling ist für den 34-jährigen Abraham wieder alles drin, auch ein Kampf mit Mittelgewichtler Felix Sturm. Das wäre gleich das nächste Prestigeduell, das die Massen elektrisieren könnte. So weit mochte der nun zweifache Sieger in dieser denkwürdigen Trilogie zu später Stunde aber nicht vorausdenken. Stattdessen betonte er, was die zerstrittenen Lager an diesem Samstag vor lauter Debatten über das Urteil fast vergessen hatten: dass hier in Magdeburg gerade ein außergewöhnlich spannender Kampf stattgefunden hatte.

„Wir haben beide das Beste gegeben“, schloss Arthur Abraham sanft, um sich dann als bestens integrierter Zuwanderer in die Berliner Heimat zu verabschieden: „Mama macht Bratkartoffeln, dann ist alles wieder gut.“

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