Boxkurse : Akademisches Boxen – klug reduziert

Das Studentenboxen hat in Berlin eine lange Tradition – knapp 200 Männer und Frauen besuchen die Kurse der Humboldt-Uni. Ein Ortstermin.

Michael Rosentritt
Boxen
Trainer Manfred Steffens während eines Vormittagskurses inmitten seiner Studenten. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Berlin - Das Neonlicht ist grell und kalt. Die Körper darunter dampfen. Es riecht nach warmem Schweiß und altem Leder. Elf junge Männer und zwei junge Frauen üben sich im Schattenboxen. Es sind nicht irgendwelche Boxer, sondern Studenten der Humboldt-Universität.

Es ist ein schwülwarmer Sommerabend. Die Linienstraße, die sich durch Berlins historische Mitte zieht, dämmert vor sich hin. Die Straßenlokale bis rauf zur Oranienburger Straße sind voll. Geboxt wird im zweiten Hof. Und das mit Tradition. Gleich nach dem Krieg ging es mit dem Studentenboxen los, damals noch in der Universitätsstraße 3b. Damals war hier in der Linienstraße 121 noch der Studentenklub der HU untergebracht. Später zog der Klub in das Kellergewölbe des Hauptgebäudes an die Linden. „Das Studentenboxen war nie tot“, sagt Manfred Steffens. Seit einem Vierteljahrhundert trainiert der 58-Jährige die Studenten. Zunächst als einer von 55 Sportlehrern, die die HU zu DDR-Zeiten beschäftigte, heute auf Honorarbasis. Auch sonst hat sich wenig verändert. Der Linoleumfußboden ist notdürftig ausgebessert. Der kleine, flache Boxring wird von vier Holzpfosten gehalten. „Der ist so alt wie ich“, sagt Steffens und lächelt dabei aus seinen wachen Augen. Der Ringboden ist ermüdet, er gibt nur noch wenig nach. „Für unsere Zwecke reicht es.“ Was soll Steffens auch sagen? Einen klassischen Hochring konnte sich der Berliner Hochschulsport damals wie heute nicht leisten.

Für das laufende Sommersemester haben sich 11 600 Studenten der Humboldt-Universität für die Kurse in 84 Sportarten eingeschrieben. Die Angebote reichen von Aikido bis Yoga. In der Linienstraße sind die Kampfkünste wie Karate, Judo und Capoeira untergebracht. Im Parterre haben die Boxer dreieinhalb Räume in Wohnungsgröße in Beschlag genommen. Unter ihnen liegt die Kegelbahn, oben im Fünfgeschosser denken die Schachspieler.

„Schön federn und hinten die Hacken hoch!“, ruft Manfred Steffens in die Runde. Die Sprache der Boxtrainer ist überall dieselbe. Rau, aber herzlich. Steffens tänzelt zwischen seinen Studenten auf und ab. Er korrigiert und verbessert. Einen stubst er sanft von hinten an und flüstert: „Nimm dein Kinn runter!“ Alle Kommandos werden befolgt.

Vor einem Monat war der Berliner Trainer mit neun seiner Boxer bei den deutschen Hochschulmeisterschaften, die dieses Mal die Sporthochschule Köln ausgerichtet hat. 25 Wettkampfgemeinschaften aus ganz Deutschland nahmen teil. In der Teamwertung belegten die Berliner Platz eins vor Bremen und Potsdam. Steffens’ Staffel stellte zwei Einzelmeister, zwei Vizemeister und drei dritte Plätze. „Für uns ist das ein großer Erfolg, denn mit den Bedingungen, wie sie sie in Hamburg, Köln oder Bremen haben, können wir uns nicht messen“, sagt Steffens. Es muss also etwas anderes sein.

Jetzt laufen Partnerübungen. Eine kleine Serie soll geschlagen werden – nacheinander linke und rechte Gerade –, die ein linker Kopfhaken abschließt. Die Studenten wirken konzentriert. Von einem Plakat grüßt Muhammad Ali, „The Greatest“. Anderswo im Hauptraum hängen Devotionalien aus vergangenen Jahrzehnten. Ein Wimpel etwa von den „XXIV. DDR-Meisterschaften, Schwerin, März 1972“ oder ein gerahmtes Foto vom Sportfest 1957 – „in Erinnerung an die Sektion Boxen des BSG Chemie Pirna“. Im hinteren Raum hängen drei abgelederte Sandsäcke und eine kleine Maisbirne von der Decke. Auf dem Boden liegen neben den Medizinbällen auch ein paar mattschwarze Freihanteln herum. Das riesige Radiogerät der Marke Olympia ist stumm.

Manfred Steffens ist Diplomsportlehrer, besitzt aber auch die A-Lizenz. Steffens könnte richtige Boxer trainieren. „Ich fühle mich wohl an der Basis“, sagt Steffens und erzählt vom Kontrastprogramm zum akademischen Boxen. Nebenher arbeitet er noch als Antigewalttrainer und Konfliktmediator. Dort betreut er gewalttätige Jugendliche mit und ohne Vorstrafen. Von der Universität erhält er ein kleines Honorar. „Uns geht es nicht anders als den normalen Sportvereinen: Wir sind abhängig von so leidenschaftlichen Leute wie Steffens. Sonst würde alles den Bach runtergehen“, sagt Wolfgang Schwarz. Schwarz, 60 Jahre alt, managt den ganzen Betrieb des Hochschulsports der Humboldt-Universität.

20 Euro kostet der Boxkurs pro Semester. „Das ist echt günstig“, sagt Lena Eckes. Die 21-Jährige studiert Medizin im dritten Semester. Sie ist im Internet aufmerksam geworden. „Das Boxen ist schön reduziert aufs Wesentliche. Außerdem mag ich das Reaktive an diesem Sport.“ Nur ihre Großeltern hätten anfangs etwas dagegen gehabt, dass ihre Enkelin zum Boxen geht. Die Kölnerin löst gerade die Bandagen von ihren schmalen Händen. Ihr Körper bebt ein wenig nach. „Es macht schon Spaß, andere mal ein bisschen zu schockieren.“

Neben ihr steht Leona Schmidt. Sie ist 23 und hat sich in den morbiden Charme des Gyms verliebt. „Alles wirkt ein bisschen versifft, aber es ist echt“, sagt die Studentin der Sozialwissenschaften. Was sie am Boxen schätzt? „Ich kann mich auspowern, das hilft mir bei der Konzentration.“ Außerdem trainiere man kognitive Fähigkeiten, „alles ist sehr physisch und trotzdem höchst kommunikativ“, sagt die Potsdamerin. „Das ist anders als Tennis.“

Manfred Steffens durchfedert unablässig die Reihen. „Jede Runde Sparring ist ein Geschenk“, ruft er in den Raum. Der Boxring ist provisorisch mit einem Seil in zwei Hälften geteilt. So können zwei Pärchen sparren. Anschließend legt Felix Rensch eine Pause ein. Er ist 22 und hat eine kleine Karriere als Rad-Leistungssportler hinter sich. Der Berliner kommt von der Fachhochschule für Wirtschaft und Technik. Als Universitätsfremder muss er 30 Euro zahlen. „Hier habe ich meine innere Ruhe und Selbstvertrauen gefunden.“ Vor zehn Jahren war er Opfer eines brutalen Überfalls geworden.

„Immer mehr wollen zu uns“, erzählt Steffens. „Boxen hilft, die Persönlichkeit zu formen und zu stärken. Vielleicht macht es aber der eine oder andere auch aus dem Gefühl heraus, sich auf der Straße wehren zu können.“ Er steht vor einem kleinen Schrank, aus dem Boxhandschuhe und ein Fußball herausgefallen sind. Mundschutz und Bandagen soll jeder selbst mitbringen – „und er muss im Besitz einer Krankenversicherung sein“, ruft Steffens vom anderen Ende des Raumes. Der Rest werde von der Uni gestellt. Wer mag, leistet sich auch einen eigenen Kopfschutz.

Allein im laufenden Sommersemester boxen 193 Studenten. 153 stehen auf der Warteliste. Mehr geben die Räumlichkeiten der Linienstraße nicht her. Die meisten sind angehende Mediziner und Juristen. Fast alle von ihnen bleiben bis zum Ende ihres Studiums. „Abbrecher habe ich kaum“, sagt Steffens und lächelt. Mittlerweile wird er im Coaching von Stephan Katic, Serena Borchert und Lutz Käsebier unterstützt, die sich die elf Einheiten in der Woche aufteilen. Darunter zwei reine Frauenkurse. Käsebier war mal ein richtig Guter. Bei der Weltmeisterschaft 1978 gewann er Bronze.

Einige Studenten sind mittlerweile so gut, dass sie für den Kooperationspartner Blau-Gelb Weißensee um die Berliner Meisterschaft boxen. Wie ein Junge namens Steffen, ein Schwabe älteren Semesters. Der kam vor zwei Jahren hierher. „Wegen eines ziemlich schlaffen Körpers“, wie er erzählt. „Ich habe ein viel besseres Körpergefühl und Stolz bekommen.“ Steffen boxt im Mittelgewicht. Das Gute sei, dass man nicht so abhängig von anderen sei wie in einer Mannschaftssportart, „wo man sich vielleicht noch beschimpfen lassen muss“. Danilo Rosendahl ist gerade deutscher Hochschulmeister im Schwergewicht geworden. „Das Boxen hat mich ausdauernder und ehrgeiziger werden lassen“, erzählt der 23-jährige Berliner. Momentan muss er im Boxring etwas kürzertreten, erzählt der angehende Jurist. „Ich stecke in der Examensvorbereitung.“

Seit ein paar Tagen kommt auch ein Franzose in die Linienstraße. Sein Talent muss er in Paris gelassen haben. Manfred Steffens blickt liebevoll auf ihn. Wichtig sei doch, dass sich keiner verletze, und dass es freudvoll zugehe. „Den kriege ich schon hin“, flüstert Steffens und knipst das Licht aus.

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