Boxweltmeister Tyron Zeuge : Cut um Mitternacht und ein wenig Ärger

Der Neuköllner Boxer Tyron Zeuge wird zum Abbruchsieger erklärt und bleibt Weltmeister – die Gegenseite tobt.

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So sehen Sieger aus (II). Tyron Zeuge, gezeichnet von einem Kopfstoß seines Gegners Isaac Ekpo.
So sehen Sieger aus (II). Tyron Zeuge, gezeichnet von einem Kopfstoß seines Gegners Isaac Ekpo.Foto: dpa/Settnik

Plötzlich klatschte Stacy McKinley seine Hände rhythmisch über seinem Kopf zusammen und animierte das Auditorium einzusteigen. „We want a rematch“, rief der Trainer des unterlegenen Boxers. Und wieder und wieder. Ein bisschen gelang es ihm auch. Dazu muss man wissen, dass auf den mitternächtlichen Pressekonferenzen nach Boxkämpfen oft ein illustres Völkchen zusammenkommt, gern auch Claqueure aus beiden Lagern. Viele der Anwesenden können besser schreien als schreiben. Und ja, Mister McKinley hat die Welt bereist und im Boxen einiges erlebt. Er betreute Mike Tyson als dieser 1995 aus dem Knast kam sowie andere Weltmeister wie Tony Tucker, Ray Mercer und Shannon Briggs. „Ich habe einiges gesehen, Boxer mit gebrochenem Kiefer, mit gebrochenen Händen und mit tiefen Cuts, alles, aber dieser Kampf hätte niemals abgebrochen werden dürfen. Niemals!“

Die Sache war nämlich die: Stacy McKinley war kurzfristig als Trainer von Isaac Ekpo (Nigeria) eingesprungen, der Samstagnacht vor 3500 Zuschauern in der MBS-Arena zu Potsdam den Berliner Tyron Zeuge als Weltmeister nach WBA-Version im Super-Mittelgewicht herausforderte. Der 24 Jahre alte Neuköllner ist der letzte deutsche Weltmeister in einem der vier bedeutenden Weltverbände, entsprechend viel stand auf dem Spiel. Und dann das: Nach 2:23 Minuten der fünften Runde brach der amerikanische Ringrichter Raul Caiz den Kampf nach mehrmaliger Konsultation mit dem Ringarzt ab. Ein tiefer Cut im rechten Augenwinkel Zeuges – durch mehrere Kopfstöße Ekpos in der dritten Runde verursacht – ließ unablässig Blut ins Auge laufen. Zwar konnte der Cut in den Ringpausen sowohl zur vierten als auch dann noch einmal zur fünften Runde kurzfristig geschlossen werden, doch am Ende behinderte der Blutfluss die Sehtüchtigkeit Zeuges. Anschließend wurden laut WBA-Regeln die geboxten Runde zusammengezählt und gewertet. Das Urteil: Technische Entscheidung, Punktsieger Zeuge, der bei allen drei Punktrichtern zu diesem Zeitpunkt vorn lag (49:46, 48:47, 49:47).

„Da hat man sich zwölf Wochen lang im Training geschunden – und dann so ein Ende“, stöhnte Zeuge. „Das Ende ist nicht schön, aber so sind die Regeln“, befand dessen Trainer und Ex-Weltmeister Jürgen Brähmer. Auf den Einwand Ekpos hin, wonach für ihn eine WM aus zwölf Runden bestehe, und er sich nicht als Verlierer fühle, konterte Brähmer: „Dann boxe sauber, dann machen wir hier schön zwölf Runden. Wir wollten boxen, der Gegner nicht.“

Zeuge war seinem Gegner klar überlegen

In den wenigen Runden war schnell ersichtlich, dass Zeuge seinem zehn Jahre älteren Gegner boxerisch überlegen war, aber sich spätestens nach dem Cut in eine wilde Keilerei einließ. „Ekpo war gekommen, um einen Dreckskampf zu machen. Er schlug mit den Ellenbogen, stieß mit dem Kopf und zeigte Catchergriffe“, sagte hinterher Zeuges Promoter Kalle Sauerland. „Ich bin ziemlich wütend“, sagte Zeuge. „Ich finde es nicht fair, wenn ich immer gehalten werde und er mir fünf- oder sechsmal auf den Cut schlägt. Für mich ist das immer noch Sport und kein Krieg.“

Die andere Seite sah das naturgemäß anders. Stacy McKinley meinte, Zeuge hätte den Kampf fortsetzen können, ja müssen. „Das Blut ist nicht ins Auge, sondern gut nach außen abgeflossen. Ich konnte ihn gut beobachten. Zeuge ist einfach kein Fighter.“ Das war natürlich starker Tobak. Richtig ist allerdings, dass Zeuge sich durch den Cut aus dem Konzept bringen ließ. Anstatt den wilden Keiler Ekpo aus der Distanz zu boxen, ließ er sich in den Nahkampf ziehen.

Noch oben im Ring, das Urteil ahnend, telefonierte McKinley mit seinem roten Mobiltelefon bereits mit Don King. „Er wird Schritte einleiten, das lassen wir nicht mit uns machen“, sagte der Trainer. Was wäre wohl gewesen, wenn die berüchtigte Promoter-Legende in Potsdam erschienen wäre? Der Gesundheitszustand des 85-Jährigen ließ einen Flug nicht zu. „Ich verklage dich“, rief daher Kings Vertrauter Theodore Singleton Zeuges Manager Sauerland entgegen. „Es gibt dreckige und hässliche Boxer, Isaac ist sicher nicht der schönste Boxer, aber er ist kein dreckiger und unfairer.“

Auf der Pressekonferenz ging es mittlerweile ähnlich ruppig zu wie zuvor im Ring. Stacy McKinley wollte wenigstens mit der Zusage für einen Rückkampf rauskommen. „Die großartigen Menschen Deutschlands wollen ein Rematch“, dröhnte der Trainer – und musste dabei selbst ein wenig über sich lachen. Die Seite Zeuges drückte derweil auf die Tube, der Weltmeister müsse schnell ins Krankenhaus. Die Wunde müsse gereinigt und genäht werden. Auch Kalle Sauerland hatte genug. Er fragte die Gegenseite, ob einem Boxer erst wieder ein Stück vom Ohr abgebissen werde müsse, ehe abgebrochen werde. Michael Rosentritt

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