Sport : Boykott auf dem Eis

Ein Gericht entscheidet, dass Ingo Steuer wieder Sportsoldaten trainieren darf – die Bundeswehr blockiert

von
Weltklassepaar mit Privattrainer. Noch müssen die Weltmeister Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy ihren Trainer Ingo Steuer selber bezahlen. Wenn es nach dem Brandenburgischen Oberlandesgericht geht, können sie sich diese Ausgaben in Zukunft sparen. Foto: dpa
Weltklassepaar mit Privattrainer. Noch müssen die Weltmeister Aljona Sawtschenko und Robin Szolkowy ihren Trainer Ingo Steuer...Foto: AFP

Berlin - Der Eiskunstlauf-Trainer Ingo Steuer und sein Top-Paar Robin Szolkowy und Aljona Sawtschenko haben zurzeit viel Grund zur Freude. Das Duo aus Chemnitz ist gerade in atemberaubender Weise, mit einer weltweit noch nie erzielten Punktzahl zum dritten mal Paarlauf-Weltmeister geworden. Der Trainer und Choreograph Steuer darf sich auf die Schulter klopfen, weil er maßgeblichen Anteil an diesem Triumph hatte.

Doch wirklich viel Freude empfinden derzeit weder Trainer und Sportler. Denn gleichzeitig findet ein zähes juristisches Tauziehen statt. Es geht um zwei Fragen: Darf der Trainer Steuer Sportsoldaten trainieren? Und: Darf der frühere Sportsoldat Szolkowy wieder zur Bundeswehr?

Das Brandenburgische Oberlandesgericht (OLG) hat nun, mit ziemlich deutlichen Worten, festgestellt: Steuer darf Sportsoldaten trainieren. Es befürwortet – ohne dass dies als Urteil verkündet wurde – die Rückkehr des Eislauf-Weltmeisters Szolkowy in die Bundeswehr. Damit hätte eigentlich ein jahrelanger Streit beendet sein können. Doch soweit ist es noch nicht: Die Bundeswehr hat schon Revision eingelegt, das letzte Wort hat nun der Bundesgerichtshof.

Für Sportfans, die sich mit den juristischen Details nicht befassen, klingt die Situation ohnehin etwas kurios: Die Weltmeister und Olympiadritten müssen seit Jahren ihren Trainer privat bezahlen, weil der niemanden trainieren darf, der staatliche Fördergelder erhält.

Hintergrund ist die frühere Stasi-Mitarbeit von Steuer alias „IM Torsten“. Seine Spitzeltätigkeit hatte er verschwiegen, als er sich bei der Bundeswehr bewarb. 2003 trat er seinen Dienst an, 2006 musste der Stabsunteroffizier Steuer fristlos gehen. Seine Stasi-Akte war bekannt geworden. Die Bundeswehr fühlte sich arglistig getäuscht.

Und weil Szolkowy keinen anderen Coach als Steuer wollte, musste er im Juli 2006 auch die Bundeswehr verlassen. Das Argument der Bundeswehr für die harte Linie: Das Vertrauensverhältnis zu Streuer sei nachhaltig gestört, und wenn geduldet würde, dass Sportsoldaten bei dem Privatcoach Steuer trainierten, dann könnte man daraus ableiten, die Bundeswehr „billige das frühere Verhalten“ des Trainers.

Das OLG sieht das nun anders. Die Bundeswehr habe keine Befugnis, festzulegen, bei wem ein Sportsoldat trainiere. Dieses Recht stehe allein dem zuständigen Fachverband und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) zu. Wenn Steuer deshalb bestimmte Athleten nicht trainieren dürfe, „spricht alles dafür, dass hier ein klassischer Boykott vorliegt“, schreibt das OLG in seinem Urteil. Die freie Berufswahl sei damit eingeschränkt. Im Fall Steuer haben sowohl die Deutsche Eislauf-Union (DEU) als auch der DOSB befürwortet, dass Szolkowy bei seinem langjährigen Coach laufen dürfe.

Nur ist Szolkowy gar kein Sportsoldat mehr. Betrifft ihn das Urteil überhaupt? Indirekt ja. Nach Ansicht des OLG liegen bei dem Weltmeister „die Voraussetzungen für die Förderung von Spitzensportlern bei der Bundeswehr vor“. Die DEU hat bereits Szolkowys Wiederaufnahme als Sportsoldat beantragt, der DOSB hat diesen Antrag befürwortet. Doch in einem gesonderten, noch nicht beendeten Verfahren hat die Bundeswehr diese Wiederaufnahme bisher abgelehnt.

Sportlich gesehen besteht schon seit langem eine besonders kuriose Situation. Da Steuer deutsche Spitzenpaare, die bei der Bundeswehr sind, nicht trainieren darf, ist er gezwungen, ausländische Athleten zu coachen. Und das macht er mit sehr großem Erfolg. Tatjana Woloschar, die mit Maxim Trankow Vize-Weltmeisterin geworden ist, hatte bis vor wenigen Monaten bei Steuer trainiert. Bei den Olympischen Spielen in Sotschi kann es nun sein, dass die mehrfachen Weltmeister einem Konkurrenz-Duo unterliegen, das zumindest teilweise von ihrem eigenen Trainer zur Weltklasse geführt worden ist

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben