Sport : Brasilianer gegen Holländer

Nach dem Gewinn der Meisterschaft kracht es in der Führung des FC Barcelona

Julia Macher[Barcelona]

Es war der Tag der wortreichen Erklärungen. Zuerst verkündete Sandro Rosell am Donnerstagmittag seinen Rücktritt als Vizepräsident des FC Barcelona in einer genau 63 Minuten und 24 Sekunden langen Rede. Am Abend trat dann Vereinspräsident Joan Laporta vor die Presse, flankiert von den Treuen seines Team – um ebenso ausführlich auf die Vorwürfe seines ehemaligen Intimus zu antworten: „Die Minderheit kann Recht haben, aber sie muss akzeptieren, was die Mehrheit will. Alles andere ist illoyal.“

Mit dem Rücktritt Rosells und dreier weiterer Vorstandsmitglieder endet eine Krise, die dem spanischen Fußballmeister nach der triumphalen Meisterschaft die Jubellaune vergällte. Sie endet alles andere als überraschend. Das Führungsgremium des FC Barcelona hatte sowieso beabsichtigt, Rosell und den andern Abtrünnigen nahe zu legen, sich der Mehrheitsmeinung zu beugen oder die Chefetage zu verlassen. In der Führungsriege hatten Laportas Leute eine Mehrheit von 13:4 Stimmen. Mit seiner Pressekonferenz kam der Vizepräsident der offiziellen Verkündung der Entscheidung ein paar Stunden zuvor.

Seit langem schwelt der Streit. Rosells Vertraute sind die so genannten Brasilianer, die den Transfer des Weltfußballers Ronaldinho ermöglicht haben. Um Laporta scharen sich die Holländer um Chef-Kritiker Johan Cruyff und Trainer Frank Rijkaard. Es geht nicht nur um Einkäufe und Ausrichtung des Vereins, sondern auch um Einfluss, Macht und Öffentlichkeit. Für den Geschmack des Präsidenten sonnte sich der von den Medien hofierte, charmante Vize etwas zu gerne im Scheinwerferlicht. Joan Laporta goutierte es ganz und gar nicht, dass der hervorragend vernetzte Ex-Nike-Manager Sandro Rosell als alleiniger Macher des Coups gefeiert wurde, der Barca am Ende die Meisterschaft bescherte. Es geht um die Verpflichtung der spielfreudigsten Offensivkräfte der gesamten Liga, des Brasilianers Ronaldinho und des Portugiesen Deco. Rosell wiederum fühlte sich von seinem Chef übergangen: Von manchen Spieler-Verpflichtungen habe er erst aus zweiter Hand oder über die Presse erfahren. Und dann war da noch der unsichtbare Freund, Johan Cruyff, Fußball-Legende und ehemaliger Barca-Spieler und -Trainer. In den Augen von Rosells Brasilianern souffliert der Holländer Laporta etwas zu deutlich, wen dieser wann auf die fußballerische Bühne zu rufen habe. „Ich empfehle Cruyff, sich zurückzuziehen“, sagte Rosell in seiner Abschiedsrede. „Er sollte Joan in Ruhe lassen.“

Ob er dabei auch an Cruyffs leidenschaftliches Eintreten für Landsmann Frank Rijkaard dachte? Während der Saison 2003/2004 wollte Rosell angeblich den Holländer von der Trainerbank verbannen und statt dessen den ihm aus der Südamerika-Connection gut bekannten Brasilianer Luiz Felipe Scolari holen. Von solchen Überlegungen will Rosell nichts mehr wissen – erfolgreiche Trainer, die vor drei Wochen von den jubelnden Massen im Camp Nou gefeiert wurden, kritisiert man nicht: „Ich wollte Rijkaard nicht feuern. Jemand hat ihn belogen.“ Ein Rückzugsmanöver, das Präsident Laporta am Donnerstagabend mit einem nonchalanten Augenbrauenzucken quittierte. „Rosell war wiederholt gegen Rijkaard. Das ist die Wahrheit.“

Der Bruch zwischen den Jugendfreunden scheint endgültig. Dabei standen die beiden noch vor zwei Jahren für einen radikalen Neuanfang. Als eine Art Dream Team der Präsidentenliga hievten sie den mit 193 Millionen verschuldeten Klub aus dem finanziellen Sumpf, verhalfen einem titellos dahindümpelnden Verein zu spielerischer Größe und gaben den gebeutelten Fans das Selbstvertrauen zurück, wieder in blauroten T-Shirts durch Barcelonas Straßen zu ziehen. Ihr Projekt hatte Erfolg, ihre Zusammenarbeit nicht.

Jetzt ist Laporta unumstrittener Herrscher des mitgliederreichsten Vereins der Welt, souverän und gelassen wies er die Vorwürfe seiner Gegner zurück: „Ich habe ein reines Gewissen, auch wenn es mir nicht gelungen ist, alle Meinungen zusammenzuführen.“ Der Platz des Vize bleibt vorerst leer, und sein Widersacher beabsichtigt nicht, bei den nächsten Wahlen gegen ihn zu kandidieren, auch wenn, so Rosell, „mir manche dazu raten“.

Endlich Ruhe im Camp Nou? Manches spricht dafür, anderes dagegen. Zwar glaubt nicht einmal Rosell, dass Ronaldinho seinem Freund und Förderer stehenden Fußes folgt und den Klub verlässt: „Ronaldinho gehört nicht mir, sondern dem FC Barcelona.“ Aber: „Hier hat keiner einen Zehnjahresvertrag.“

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