Sport : Brasilianisch gegen Brasilien

Sebastian Deisler macht ein großes Spiel bei seinem Comeback im Nationalteam

Armin Lehmann

Berlin - Kurz vor der Halbzeit ist Sebastian Deisler auf die linke Seite gewechselt, er läuft die Außenlinie entlang, dreht sich mit dem Ball halb nach innen, um dann außen an Juninho vorbeizugehen. Ein paar Sekunden später lässt er mit dem gleichen Trick Belletti hinter sich, aber jetzt hat Deisler schon zu viel Tempo, und der Ball springt ins Aus. Das Publikum klatscht dennoch. Zu diesem Zeitpunkt, es steht 1:1, sind die Pfiffe längst verhallt, die den Mittelfeldspieler des FC Bayern München ins Stadion geleitet hatten. Es waren zwar nur wenige, aber auch im vollbesetzen Stadion noch gut zu hören.

Eigentlich sind die Pfiffe nur die Randgeschichte zu dem Comeback des Sebastian Deisler in der Nationalmannschaft, mit der haben sie nämlich gar nichts zu tun. Es müssen ein paar verstreute Fans des Berliner Bundesligisten Hertha BSC im Stadion sein, die Deisler noch immer nicht verziehen haben, dass er 2002 zum FC Bayern gewechselt ist. Im Mai letzten Jahres, als die Bayern in Berlin Hertha mit 6:3 abfertigten, Deisler zwei Torvorlagen gab und einen Pfostenschuss zu verzeichnen hatte, pfiffen die Berliner Deisler gnadenlos aus. Das war wenige Monate vor Deislers letztem Spiel in der Nationalmannschaft am 6. September in Reykjavik, wo die deutsche Mannschaft sich beim 0:0 gegen Island blamiert hatte. Ein paar Wochen später wurde bekannt, dass Deisler wegen starker Depressionen eine Auszeit nötig hatte. Das gestrige Spiel in Berlin war mal wieder ein Neuanfang für den 24-Jährigen.

Als Schiedsrichter Urs Meyer um 21.38 Uhr zur Halbzeit pfeift, hat Sebastian Deisler nur einen einzigen Fehlpass gespielt. Mit der Nummer zehn, der klassischen Nummer des Spielmachers im Fußball, hat ihn Bundestrainer Jürgen Klinsmann auflaufen lassen und ihn auf die rechte Seite gestellt, wo er schon als junges Talent angefangen hatte. Rudi Völler war es, der Deisler noch vor seinem damaligen Trainer Jürgen Röber von Hertha BSC auf die zentrale Position im Mittelfeld gestellt hatte. Gestern deutete Deisler an, dass er dort irgendwann ganz bestimmt wieder landen wird, dass er neben seinen präzisen Flanken von außen vor allem ein Spiel auch öffnen und lesen kann.

Wenn er den Ball hat, ist er schnell im Kopf, das ist wichtig im internationalen Fußball. Er ist aber auch mit den Füßen schnell, kann auf den ersten Metern beschleunigen wie kaum ein anderer im deutschen Team, dabei behält er auch unter Druck meist die Übersicht, selbst wenn zwei, drei Gegenspieler um ihn herumstehen. Wenn es in der ersten Halbzeit gefährlich wird, dann ist immer Deisler beteiligt. Er bietet sich früh in der eigenen Hälfte an, spielt dann den Ball oft klug weiter und bietet sich sofort wieder an.

Einmal wartet er an der rechten Außenlinie, da steht es schon 1:0 für Brasilien. Deisler bekommt den Ball halbhoch zugespielt, manch einer würde ihn ins Aus tropfen lassen, aber Deisler jongliert ihn kurz mit dem rechten Fuß in der Luft, dann nimmt er den Ball schnell herunter und entzieht sich seinem heraneilenden Gegenspieler. Es sind diese kleinen Momente, in denen klar wird, was in Deisler steckt: Leidenschaft für dieses Spiel, Lust an diesem Spiel, seinem Spiel, wie er es liebevoll nennt. Und gegen Brasilien – da sollen schon auch alle sehen, dass auch er es brasilianisch kann.

In der 60. Minute können sich von dieser Spielkunst auch diejenigen überzeugen, die noch immer kein Vertrauen in Deislers Können haben. Wieder steht er auf der rechten Seite in Höhe des brasilianischen Strafraums. Die meisten denken, er werde wohl versuchen, am Gegner vorbeizukommen. Doch Deisler legt sich den Ball wie sein großes Vorbild Zinedine Zidane mit dem rechten Fuß praktisch hinter sich und spielt ihn dann am eigenen Körper vorbei, genau in die Laufbahn von Gerald Asamoah. Perfekt.

Drei Minuten vor Schluss verlässt Deisler für den Kölner Lukas Podolski den Platz. Niemand pfeift zum Abschied, alles johlt – vor Begeisterung.

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