Sport : Brasilianische Nacht

Richard Leipold

Als Sport und Show, Kunst und Kraft zu einem großen Ganzen verschmolzen waren, griff Gerhard Schröder zum Telefon. Am späten Donnerstagabend rief der Bundeskanzler Gerd Niebaum, den Präsidenten von Borussia Dortmund, an und ließ sich mit Mannschaftskapitän Stefan Reuter verbinden. "Er wollte einfach nur gratulieren", berichtete Reuter nach dem Halbfinalhinspiel des Uefa-Pokals. Beim 4:0 über den AC Mailand hatten die Dortmunder eine brasilianische Nacht gefeiert, die nicht nur den BVB-Fan Schröder für den nüchternen, teils ernüchternden Zweckfußball der vergangenen Monate und Jahre entschädigte.

Sogar der zuweilen nörglerische Dortmunder Trainer Matthias Sammer ließ sich, gegen sein Naturell, im Sog dieser Samba zu Superlativen hinreißen. "Die Mannschaft wollte Außergewöhnliches leisten, das war von der ersten Minute an zu sehen. In der ersten Halbzeit war unser Spiel nahezu perfekt." Am Ende machte der Fußball-Lehrer eine verbale Verbeugung vor dem Hauptdarsteller dieses Dortmunder Fußball-Lustspiels. "Marcio Amoroso ist zu unserem absoluten Sieger geworden", sagte Sammer. Für gewöhnlich ist er der schärfste Kritiker des Dortmunder Torjägers. Doch nach Amorosos Hattrick in der ersten Halbzeit kam der strenge Herr Sammer nicht umhin, dem spielerisch betörenden Brasilianer die Bestnote zu geben. Amoroso sei zu Weltklasseleistungen fähig, sagte der Trainer. Aber wahre Weltklasse zeige sich erst darin, dass ein Spieler diese Leistung über einen längeren Zeitraum abrufe. "Das ist der Weg, den ich mit Marcio beschreiten will."

Als Vortänzer der brasilianisch geprägten Dortmunder Fußballcombo bestimmte Amoroso die Schrittfolge, als wäre es darum gegangen, einen lateinamerikanischen Tanzwettbewerb mit Ball zu gewinnen. Anders als etwa Real Madrid tags zuvor in München vergaßen die Dortmunder über ihre Spielkunst nicht die Produktivität. Amoroso erzielte vor der Pause drei Tore, darunter eines der schönsten seiner Karriere, wie er sagt. Vor dem 2:0 jonglierte er mit dem Ball, bis der bemitleidenswerte Martin Laursen, der Lächerlichkeit preisgegeben, vor dem Angreifer kapitulierte und ihn ins Tor schießen ließ. Zuvor hatte er als (angeblich) gefoulter Spieler einen Elfmeter zum 1:0 genutzt.

Durch Amorosos Spaßfußball inspiriert, interpretierten auch seine Landsleute den Fußball als Kunstgattung. Bei den Vorbereitungen des letzten Tores schoss Ewerthon dem Mailänder Torwart Christian Abbiati den Ball durch die Beine. Nachdem Jörg Heinrich zum 4:0 vollendet hatte, lebte der Flankengeber seine kindliche Freude über den ungezügelten Spieltrieb mit der Körpersprache eines Hampelmanns aus. "Wir haben eine perfekte Show geboten", sagte Michael Meier, der Manager des Dortmunder Fußballunternehmens. Unterhaltungschef Amoroso und seine kongenialen Partner Dédé, Ewerthon und Tomas Rosicky entzückten nicht nur das Publikum, sondern auch ihre weniger begabten Mitstreiter. "Sie sind so leichtfüßig, sie heben den Ball im richtigen Moment drüber", sagte Reuter. "Die haben uns schon einiges voraus." Zwar könne eine Mannschaft "mit elf Zauberern keinen Erfolg haben, aber die Brasilianer und Tomas machen den Unterschied aus".

Amoroso hofft nun, im Finale den gerade genesenen Mailänder Stürmer Ronaldo im direkten Vergleich ausstechen zu können und sich noch ins brasilianische WM-Team zu spielen. Wie es aussieht, wird Amoroso am 8. Mai in Rotterdam sein. Ronaldo wird vermutlich nicht kommen. Inter Mailand verlor daheim 0:1 gegen Feyenoord.

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