Sport : Brasilien flirtet mit dem Desaster

Der Rekordweltmeister tut sich gegen Nordkorea lange schwer – und die Asiaten zeigen Gefühl

Nein, beteuerte Nordkoreas Nationaltrainer Kim Jong-Hun auch auf mehrfache Nachfrage, er habe nichts gesehen. Er dürfte der Einzige gewesen, der im Gegensatz zu Millionen Fernsehzuschauern nicht sah, wie der Star des Teams aus dem Schattenreich Kim Jong-Ils – Jong Tae-Se – beim Spielen der Hymne sogar mehrfach die Tränen kullerten. Die Welt hatte Fußballroboter aus einem geheimnisvollen Schurkenstaat erwartet. Und nun entpuppten sich die Kicker Nordkoreas doch allen Ernstes als Menschen aus Fleisch und Blut.

Auch sportlich überraschten die Asiaten, indem sie Brasiliens Sieg auf 2:1 (0:0) begrenzten. „Gegen alle Erwartung, dass die Brasilianer die Nordkoreaner leicht bezwingen werden, war es für sie ein mühevoller Sieg“, jubilierte die Zeitung „Hankook Ilbo“ in der Heimat. In Südamerika mäkelte hingegen die Zeitung „Folha de São Paulo“: „Bürokratisch – Brasilien flirtet mit dem Desaster.“

Denn entgegen der einhelligen Expertenmeinung hatte sich die Mannschaft von Coach Kim Jong-Hun vor 54 331 Zuschauern im Johannesburger Ellis Park ganz und gar nicht allein auf das Pflegen ihrer Defensivqualitäten verlassen, sondern erspielte sich bei ihrem ersten Auftritt bei einer WM seit 1966 durchaus Möglichkeiten.

Brasilien schien der engagierte Auftritt der Asiaten zu paralysieren. Vielleicht war es auch das winterliche Wetter, jedenfalls kam das gewohnt sichere Kombinationsspiel gar nicht erst in Gang. Spielmacher Kaká, Sturmspitze Luis Fabiano und Robinho versuchten es immer wieder mit Einzelaktionen, blieben aber im engmaschigen Netz der nordkoreanischen Abwehrreihen hängen.

Dazu passte auch das Gebaren von Brasiliens Coach Carlos Dunga, der den Abend zumeist regungslos auf der Bank verbrachte. Nicht nur er hatte sich den WM-Auftakt wohl irgendwie gemütlicher vorgestellt. Dabei hätte er gewarnt sein müssen. Schließlich hatte sein Gegenüber Kim Jong-Hun noch vor dem Spiel selbstbewusst verkündet: „Im Fußball gewinnt nicht immer die bessere Mannschaft. Sie sind natürlich stärker als wir, aber wir können sie mit unserer Taktik schlagen.“

Bis zur 55. Minute schien der Traum des Trainers von einem Sieg und der von 24 Millionen Einwohnern der Demokratischen Volksrepublik Korea, die gerüchteweise keine TV-Bilder zu sehen bekamen, möglich. Dann schoss Außenverteidiger Maicon nach einem Pass von Elano aus spitzem Winkel ein. Sein Trainer Carlos Dunga war der Meinung, dass der Kunstschuss keine verunglückte Flanke, sondern Absicht war: „Es ist nicht das erste Tor, dass Maicon so macht, sondern bereits das dritte. Und es war in erster Linie kein Fehler desTorhüters, sondern hat etwas mit der Fähigkeit des Spielers zu tun“, erklärte der 46-Jährige. Maicon selbst war nach dem Tor ganz außer sich. „Mein erstes WM-Spiel und ich habe ein Tor gemacht... Ich habe nicht geweint, aber ich war sehr berührt“, sagte der 28-Jährige, und lobte den oft kritisierten WM-Ball Jabulani: „Der Ball ist vorteilhaft für uns, er ist fantastisch, aber schwieriger für Torhüter.“

Auch Elano wird sich nicht beschweren, denn er war es, der in der 72. Minute nach Zuspiel von Robinho mit einem Rechtsschuss das Spiel entschied. Der gestrenge Kim Jong-Hun ließ sich bis zum Schluss nicht vom Ergebnis beeindrucken und rief ohne Unterlass Anweisungen aufs Feld, wo seine Spieler nun immer öfter von den brasilianischen Stürmern ausgetanzt wurden. Doch vier Minuten vor Schluss verkürzte Ji Yun Nam verdient auf 2:1.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben