Sport : Brasilien macht den Meister

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Von Felix Meininghaus

Dortmund. Es sind die Brasilianer, die den Unterschied machen: Völlig aufgedreht liefen Amoroso, Ewerthon, Dede und Evanilson über den Rasen des Westfalenstadions. Lachend, Purzelbäume schlagend, die schwarz-gelben Schals wie Piratentücher um den Kopf gebunden. Immer wieder übergossen sie sich mit Bier und hatten einfach nur Spaß. So kindlich kann sich wohl nur freuen, wer die Sonne im Herzen trägt. „Die Brasilianer geben uns einen gewissen Glanz“, sagt Borussia Dortmunds Manager Michael Meier.

Natürlich war es einer aus der Südamerika-Fraktion, der eine Viertelstunde vor Schluss des letzen Saisonspiels gegen Werder Bremen die 68 600 Zuschauer im Westfalenstadion und später die ganze Stadt Dortmund in Ekstase versetzte. Ewerthon, erst eine Minute zuvor von Trainer Matthias Sammer eingewechselt , schoss den Ball in der 74. Minute an den Innenpfosten, von wo er ins Tor trudelte. Es war das 2:1, und es reichte nach dem Bremer Führungstor von Paul Stalteri und dem Ausgleich von Jan Koller, um den Titel zum sechsten Mal nach Dortmund zu holen.

Das letzte Kapitel auf dem langen Weg zur Meisterschaft war für die Borussia wie ein Spiegelbild der gesamten Saison: Die Mannschaft zelebrierte keinen brillanten Fußball, präsentierte sich aber als kompakte Einheit, die mit großem Selbstbewusstsein und bemerkenswerter Moral bereit ist, in den entscheidenden Situationen die Nadelstiche zu setzen. Weil sie Spieler mit außergewöhnlichen individuellen Fähigkeiten besitzt. So wie den Bundesliga-Torschützenkönig Marcio Amoroso, der sich bei der ersten spontanen Meisterfeier im Kabinentrakt des Westfalenstadions zu dem Versprechen hinreißen ließ, er werde seinen noch drei Jahre laufenden Vertrag in Dortmund „bis zum letzten Tag erfüllen".

Auch Ewerthon ist einer dieser seltenen Spieler, die in entscheidenden Situationen Entscheidendes zu leisten vermögen. Für Trainer Sammer hat am Ende „die Qualität der Mannschaft“ über den Ausgang der Meisterschaft entschieden. Ein wenig seltsam war die Stimmung eine Stunde nach dem Schlusspfiff, als der erste Jubelsturm verebbt war und die Spieler Auskunft gaben über ihr Innenleben. Es wirkte beinahe so, als müssten sie sich dafür rechtfertigen, dass sie und nicht die hochgelobten Leverkusener Meister geworden waren. Die Herzen des Volkes, sie flogen der Konkurrenz zu. Das ist eine neue Erfahrung für die Dortmunder, die bei ihren letzten Titelgewinnen 1995 und 1996 noch für ihren rauschenden Offensivfußball gefeiert worden waren.

Borussia Dortmund, ein hässlicher Meister? „Wir haben mit Sicherheit oft genug den Nachweis erbracht, dass auch wir zaubern können“, sagt Kapitän Stefan Reuter. „Am Ende haben wir die Schale hochgehalten“, ergänzte Lars Ricken, „das sollte man akzeptieren und uns gratulieren.“ Und Matthias Sammer hat die ganze Diskussion „nie ernsthaft beunruhigt, weil ich weiß, dass der schönste Fußball nicht der beste ist".

Manager Meier dachte in der Stunde des Triumphes an seinen Leverkusener Kollegen Reiner Calmund: „Seine Tränen haben mich betroffen gemacht. Das ist schon unglaublich brutal und tut einem menschlich weh.“ Und doch hielt Meier die Darstellung, nach der die Geldsäcke über den schönen Fußball gesiegt haben, für grob überzogen: „Uns werden ständig die hundert Millionen um die Ohren gehauen, und Leverkusen ist auf einmal der kleine Verein.“

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