Brasilien und der Fußball : O Jogo Bonito

„O Jogo Bonito“ erzählt von der Romantik des brasilianischen Fußballs und vom Stolz des Rekordweltmeisters - aber auch von Verfall und dem Trauma der letzten Heim-WM.

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Football is coming home. Brasilien fiebert der WM entgegen. Foto: dpa
Football is coming home. Brasilien fiebert der WM entgegen. Foto: dpaFoto: dpa

Ziemlich am Ende dieses Buches, nach seitenweise atemberaubenden Fotos von tanzenden und leidenden und jubelnden und hoffenden und verzweifelnden Fans, von den größten Spielern aller Zeiten, von großartigen Stadien und verwegenen Bolzplätzen – ziemlich am Ende dieses Buches also stirbt ein kleines Stück Hoffnung. Ein Stück der Hoffnung, Brasilien möge auf ewig die Stätte des romantischen, des reinen, des wahren Fußballs sein.

Da ist diese Reportage über die Fußballakademie in Campinas. Ihr Eingang besteht aus einem Torbogen mit aufgeschichteten Steinen und einem hölzernen Tor, in der Mitte prangt ein Schild mit zwei wütenden Stieren und dem Schriftzug „Red Bull Brasil“. Auch das noch. Die rote Brause sickert auch in die heilige Erde des Fußballs ein. Red Bull Brasil wurde 2007 gegründet und spielte drei Jahre später schon in der zweithöchsten Spielklasse des Bundesstaates São Paulo, Ende offen.

Ach, Brasilien! Stimmt es etwa wirklich, was Juca Kfouri, der berühmteste und meistgelesene Fußballjournalist des Landes, im Vorwort behauptet? Dass Brasilien keinesfalls ein Land des Fußballs sei, auch wenn dort schon immer der schönste Fußball der Welt gespielt wird?

Die Brasilianer nennen es „O Jogo Bonito“. Das schöne Spiel.

Maracanaco als nationales Trauma

Erst der Fußball hat dem fünftgrößten Land der Erde das ihm gebührende Selbstwertgefühl gegeben, mit den fünf WM-Triumphen ab 1958. Das nationale Trauma ist immer noch ein verlorenes Fußballspiel, jenes 1:2 gegen Uruguay, 1950 im finalen Spiel der ersten WM in Brasilien im dafür neu erbauten Maracana. Eine doppelseitige Luftaufnahme zeigt das berühmteste aller Fußballstadien. Schutt liegt an seinen Rändern, der Beton scheint zu bröckeln und instinktiv sucht man nach den Abrissbaggern, die doch gleich anrücken müssten.

WM-Stadien im Bau
In Stadion von Brasilia ist der Rasen ist immerhin schon da. Und auch die Tore stehen. Es geht voran in Brasilien im Hinblick auf die WM 2014, wenn auch nur langsam.Weitere Bilder anzeigen
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05.01.2013 14:24In Stadion von Brasilia ist der Rasen ist immerhin schon da. Und auch die Tore stehen. Es geht voran in Brasilien im Hinblick auf...

Das Foto zeigt das Stadion kurz nach seiner Eröffnung im Jahr 1950.

Aufstieg und Verfall stehen sinnbildlich für den brasilianischen Fußball. Das alte Maracana war ein Stadion des Volkes, mit Stehplätzen so weit das Auge reicht und Eintrittspreisen, die auch die arme Kundschaft von Flamengo und Fluminense bezahlen konnte. Nicht mal die Hülle ist geblieben nach dem Umbau für die WM 2014. Heute ist das Maracana ein Hightech-Tempel ohne besondere Ausstrahlung, wie er auch in Wembley oder Wankdorf steht. Nur die Magie des Namens ist geblieben … Ah, Maracana …

Es sind keinesfalls allein die Erfolge, die die Schönheit und die Faszination des brasilianischen Fußballs ausmachen. Die tragische WM-Mannschaft von 1982 mit Socrates, Falcao und Zico ist in Brasilien genauso populär wie die des späten Pelé beim WM-Triumph 1970 in Mexiko. Auch davon künden die Bilder und Texte dieses Buches. Wie auch von der großartigen Mannschaft von Corinthians aus São Paulo mit dem Intellektuellen Socrates, die auf dem Platz mit dergleichen Leidenschaft Fußball spielte, wie sie für die Demokratie stritt.

Der Ball ist immer dabei

Angeführt von Socrates hielten die Corinthians in den letzten Jahren der Militärdiktatur dem Publikum ein Banner entgegen mit der Aufschrift: „Gewinnen oder verlieren – aber immer demokratisch“. Über ihren Rückennummern sie trugen die Proklamation: „Dia 15 Vote“ – Geh am 15. wählen! Das Ende der Geschichte ist bekannt. Die Militärs dankten ab, Socrates wurde als Held gefeiert. Aber er war ein tragischer Held, gefangen in seiner Alkoholsucht, die seinem Leben vor zwei Jahren ein viel zu frühes Ende setzte.

All das und vieles mehr wird schön erzählt und ergänzt durch die Kraft der Bilder. Reinaldo Coddou H. ist durch das ganze riesige Land gefahren und hat die Brasilianer mit seiner Kamera beobachtet. Der Ball war immer dabei. Im Wasser und auf der Wiese und am Strand und zwischen Hochhäusern. Morgens und mittags und abends und nachts.

Red Bull Brasil spielt übrigens immer noch in der zweithöchsten Spielklasse des Bundesstaates São Paulo.

Denn Brasilien ist doch ein Land des Fußballs!
Reinaldo Coddou H. (Hrsg.): O Jogo Bonito. Brasilien – eine fußballverrückte Nation in Bildern. Verlag Spielmacher, 232 Seiten, 35 Euro.

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