Brasilien verliert : Einmal Ronaldinho sehen

Das Fußball-Halbfinale zwischen Brasilien und Argentinien hätte auch das Vogelnest locker gefüllt. Bis zu 300 Euro wurden auf dem Schwarzmarkt bezahlt. Am Ende war es ein einseitiges Vergnügen.

Frank Hollmann[Peking]
Olympische Sommerspiele 2008
Vergeblicher Einsatz. Ronaldinho hat mal wieder den Ball verloren - das Spiel am Ende auch.Foto: ddp

Verkehrschaos rund um das sonst beschauliche Botschaftsviertel Sanlitun. Weit weg vom Olympic Green, dem zentralen Olympiagelände – Menschenmassen vor dem Workers Stadium. Als es 1959 für die Nationalspiele eröffnet wurde, war es die größte Arena der Volksrepublik. Doch Weltstars wie am Dienstag beim Halbfinale des olympischen Fußballturniers bekam das zentrale Sportfeld der Mao-Ära nie zu sehen: Brasilien gegen Argentinien, Ronaldinho gegen Riquelme, Diego gegen Messi. Die, die auf den Rängen mit Brasilien sympathisierten, zogen indes nach dem Spiel enttäuscht ab: Mit 3:0 (0:0) hatten die Argentinier ihren Gegner geradezu gedemütigt (siehe Live-Ticker bei Tagesspiegel Online). Argentinien steht nun im Endspiel gegen Nigeria.

Die Begegnung hätte auch das Vogelnest locker gefüllt. Noch weit nach Anpfiff versuchten Tausende vergeblich, ein Ticket zu erhaschen. Yang Dong hatte mehr Glück, auch wenn es ihn ein halbes Monatsgehalt kostete. 3500 Yuan, mehr als 300 Euro, hat der Angestellte einer Spedition dafür auf dem Schwarzmarkt bezahlt. Für dieses Geld sah er zwei Tore von Sergio Aguero von Atletico Madrid, Kapitän Roman Riquelme verwandelte schließlich noch einen Foulelfmeter zum Endstand.

Nach dem 0:3 verloren einige Brasilianer die Nerven. Die Mannschaft musste das Spiel mit neun Mann beenden, weil Lucas und Thiago Neves in der Schlussphase die Rote Karte sahen. Im Spiel um Platz drei trifft Brasilien am Freitag auf Belgien, das im anderen Halbfinale Nigeria 1:4 unterlag.

Bei Brasilien standen Ronaldinhos Darbietungen im krassen Missverhältnis zu der Begeisterung, die er bei Chinas Fußballfans auslöst. Doch wer je ein chinesisches Erstligaspiel gesehen hat, einen dieser müden Kicks, der nur mit Mühe deutsches Regionalliganiveau erreicht, kann verstehen, wie sehr die fußballverrückten Chinesen sich nach ein wenig Ballzauber in ihren prächtigen Hightech-Arenen sehnen. Nach 25 Minuten ließ der Kapitän von Dungas Olympiaauswahl auch tatsächlich mal erahnen, warum er einst im Fußballolymp thronte. Ein Finte auf der linken Seite, ein kurzer Übersteiger und als Sahnehäubchen ein filigranes Anspiel auf Rafael Sobis. Dass der Jungstar von Betis Sevilla gleich am ersten argentinischen Verteidiger hängen blieb, störte die Zuschauer nicht. Schön sah es aus, und für diese raren Glücksmomente sind sie gekommen.

Aber die Argentinier um ihre Superstars Messi und Riquelme bestimmten das Geschehen. Dennoch dauerte es bis kurz nach der Pause, ehe Brasiliens Torwart Renan nach 441 Turnierminuten erstmals bezwungen wurde. Agueros beide Tore beendeten den Traum der Brasilianer vom Olympiagold. Und der Star war zu dem Zeitpunkt der Tore längst nicht mehr Ronaldinho, sondern Messi. Der hatte den zweiten Treffer mit einem seiner unwiderstehlichen Slaloms durch die brasilianische Abwehr vorbereitet. Nach Ronaldinhos Abgang ist der kleine Argentinier der einzige Superstar beim FC Barcelona.

Nun werden sich auch im olympischen Fußball-Finale von Peking alle Augen auf Messi richten. Ronaldinho war gestern, ein Spiel um Bronze zählt nichts in China. (mit dpa)

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